Mittwoch, 08. Februar 2012
Hörspielreihe
New York um die Jahrhundertwende (die vorletzte, versteht sich): Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus Van Dusen (brillant interpretiert durch den bekannten Synchronsprecher Friedrich W. Bauschulte), oder kurz als Akronym PDDDAVD, gilt als allergrößter Wissenschaftler der Welt. Wo andere zur intellektuellen Zerstreuung kreuzworträtseln, löst er die kniffligsten Kriminalfälle und bezeichnet sich in seiner ihm eigenen „bescheidenen“ Art als Amateurkriminologe. Sein getreuer Adlatus und Chronist Hutchinson Hatch (herrlich unbedarft dargestellt von Klaus Herm), Reporter beim Daily New Yorker, ist ein „Sidekick“, wie er gegensätzlicher nicht sein kann. Während das Universalgenie Van Dusen über mindestens 15 Doktortitel (Physik, Medizin, Chemie, Biologie etc.) verfügt, geht dem hedonistischen Hatch nichts über ausgedehnte Mahlzeiten, edle Zigarren und selbstverständlich schottischen Whisky.
Erfunden wurde „Die Denkmaschine“ 1900 von dem amerikanischen Schriftsteller (und zudem Redakteur von William Randolph Hearst) Jacques Futrelle, der durch seine Kriminalgeschichten so erfolgreich wurde, dass er sich zwei 1‐Klasse‐Tickets auf der Jungfernfahrt der „Titanic“ leisten konnte. Augenzeugen zufolge setzte er in der verhängnisvollen Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 seine Gattin May in eines der Rettungsboote, weigerte sich selbst jedoch einzusteigen. Sie wurde gerettet, doch Futrelle versank mit dem Schiff. Sechs unveröffentlichte Geschichten soll er mit in sein nasses Grab genommen haben.
Der deutsche Autor Michael Koser bearbeitete 1978 verschiedene Kriminalgeschichten fürs Radio, darunter die beiden Van Dusen‐Episoden „Das Sicherste Gefängnis“ und „Eine Unze Radium“. Nach Ausstrahlung dieser beiden Folgen bekam der RIAS so viele positive Reaktionen seitens der Hörer, dass der damalige Unterhaltungschef Hans Rosenthal entschied, dass eine ganze Van‐Dusen‐Reihe entstehen sollte. Ob des enormen Erfolgs schrieb Koser zwischen 1978 und 1999 insgesamt 77 Folgen, wobei er bereits nach wenigen Folgen eigene Geschichten verfasste, die nur noch grob auf den Vorlagen von Futrelle basierten. Die Protagonisten und Fälle wurden deutlich witziger, ironischer und skurriler, und nachdem die ersten Geschichten nur in New York angesiedelt waren, wurden der Professor und Hatch bald auf eine mehrjährige Reise um die Welt geschickt, wo sie nicht nur die außergewöhnlichsten Fälle lösen, sondern auch auf historische Figuren wie u. a. Sherlock Holmes, Arsène Lupin, Kaiser Wilhelm II, Graf Zeppelin, Houdini, Buffalo Bill und den Dalai Lama treffen.
Inhalt
Nachdem in der fünften Folge die Welt des Theaters erkundet wurde, geht es nun hinaus aus New York – per Schiff, selbstverständlich. Van Dusen und Hutchinson Hatch vertreiben sich die Zeit an Bord mit Gesprächen, während die erste Klasse einen Kostümball feiert. Doch dann verlöscht das Licht und als es wieder angeht, vermisst Lady Windermere ihre kostbare Perlenkette. „Sie sind verflucht, die schwarzen Perlen der Todesgöttin Kali!“ erklärt der Maharadscha von Krischnapur. „Aberglauben!“ sagt van Dusen und ermittelt den Täter. Es könnte alles so einfach sein – doch dann wird dieser ermordet und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Kritik
Ein Hörspiel von 1979 hat noch nicht diesen Drang vieler heutiger Produktionen, mit Geräuschen und Musik die Handlung „zu unterstützen“ bzw. dann und wann von dramaturgischen Schwächen abzulenken. Bei „Die Denkmaschine“ wird die Handlung nahezu komplett von den Sprechern getragen, und so manche heutige Produktion kann sich davon eine Scheibe abschneiden! Zwar dauert es ein wenig, bis die Handlung so richtig in Fahrt kommt, doch danach wird es sehr anregend und kurzweilig für den Zuhörer. Behutsam eingesetzte Musik baut den Spannungsbogen auf, die geschliffenen Dialoge tun ihr Übriges dazu. Zum ersten Mal verläßt van Dusen New York, und zum ersten Mal verläßt Autor Michael Koser die vorgegebenen Skripte von Erfinder Jaques Futrelle, und über siebzig weitere Folgen sind dieser Geschichte gefolgt. Auch wenn der Beginn etwas holprig erscheint, verspricht diese Episode eine lange Reihe guter Krimiunterhaltung.
Als besonderes „Schmankerl“ bietet die CD einen Kommentar des Autors zu „Die Perlen der Kali“.