// Literatur

Freitag, 15. Januar 2016

Hendrik Berg - Deichmörder

Unheimliche Geschichten von der Nordseeküste

Das Buchcover (Goldmann Verlag).
Das Buchcover (Goldmann Verlag).

Win­ter­zeit = Kri­mi­zeit. Der Win­ter eig­net sich auf­grund der frü­hen Dun­kel­heit dazu, bereits früh­zei­tig im Wohn­zim­mer einige Ker­zen anzu­zün­den und eine große Kanne Tee zu kochen. Nach dem Tru­bel um die Fei­er­tage im Dezem­ber bie­tet der Januar Muße, Filme zu schauen und Bücher zu lesen – ohne das schlechte Gewis­sen, auf­grund guten Wet­ters her­aus­ge­hen zu „müs­sen“. Der För­de­flüs­te­rer möchte euch in der kom­men­den Zeit dafür einige Buch­tipps an die Hand geben: Hen­drik Bergs „Deich­mör­der“ bie­tet den Spa­gat zwi­schen Kri­mi­nal– und Fan­tasy­ro­man und einem Gefühl von Som­mer an der Westküste.

Inhalt

Vor den Nach­stel­lun­gen eines gewis­sen­lo­sen Trieb­tä­ters flüch­tet die junge Eva mit ihrem Mann in aller Heim­lich­keit aus Ber­lin nach Nord­fries­land. Hier, in einem klei­nen, aber wun­der­schö­nen Haus direkt am Rand der nord­frie­si­schen Marsch will sie den Erin­ne­run­gen an die Bedro­hung durch den skrup­pel­lo­sen Mario Stein ent­kom­men, der gera­dezu beses­sen war von ihr – dem die Poli­zei jedoch nie etwas nach­wei­sen konnte. Anfangs scheint das junge Paar in der Idylle Nord­fries­lands sei­nen Frie­den gefun­den zu haben. Doch bald fühlt sich Eva erneut ver­folgt und bedroht – und dies­mal von weit mehr als nur von der eige­nen Vergangenheit.

Kri­tik

Zu Zei­ten von Edgar Wal­lace und Aga­tha Chris­tie waren Kri­mi­nal­ro­mane sehr sim­pel gestrickt: Ein Mensch kam zu Tode, ein Kom­mis­sar trat auf den Plan, Zeu­gen wur­den befragt und am Ende der Mör­der gefasst. Spä­ter wurde Kri­mi­nal­ro­mane psy­cho­lo­gi­scher. Nicht mehr die klas­si­sche Frage „wer hat es getan?“ trieb Auto­ren und Leser um – wich­ti­ger wurde die Frage, was den Täter zu der Tat getrie­ben hatte. War eine „schlimme Kind­heit“, oder wohnte tat­säch­lich das per­so­ni­fi­zierte Böse in ihm oder ihr?

In Hen­drik Bergs „Deich­mör­der“ ver­lässt der Leser eben­falls die abge­tre­te­nen Pfade des rei­nen „who­dun­nit“. Die Prot­ago­nis­ten Eva und Till haben bereits in Ber­lin schlimme Erfah­run­gen mit einem Stal­ker gemacht und ler­nen nun die wun­der­schöne Natur und den Zusam­men­halt der Men­schen an der schleswig‐​holsteinischen Nord­see­küste ken­nen. Doch die Ver­gan­gen­heit lässt sich nicht ein­fach abschüt­teln. Oben­auf bringt die ver­wun­schene Land­schaft auch noch ihre eige­nen Mythen und Bräu­che inklu­sive Geis­tern und ande­ren Zau­ber­we­sen mit sich.

Hen­rik Berg wech­selt regel­mä­ßig den Ort des Gesche­hens zwi­schen Ber­lin und der nord­frie­si­schen Küste – aber auch die Zeit­ebe­nen zwi­schen den Jahr­hun­der­ten wech­seln hier und da. Die Frage „wo“ und vor allem „wann“ man sich gerade befin­det, sorgt beim Leser auf­grund feh­len­der Kapi­tel­kenn­zeich­nun­gen dann und wann für kurze Ver­wir­rung, die sich aber schnell wie­der legt.

Wer die schleswig‐​holsteinische Nord­see­küste kennt, dem zau­bert Hen­rik Berg mit sei­nen far­ben­fro­hen Beschrei­bun­gen direkt ein gewis­ses Urlaubs­fee­ling in den Kopf, ohne dass „Deich­mör­der“ zu einem die­ser unsäg­li­chen „Hei­mat­kri­mis“ geriert, die man eher ver­schenkt, als lesen mag. Im Gegen­teil sind die Hand­lungs­stränge, vor allem die geschicht­li­chen, auf­wän­dig aus­ge­baut, die Haupt und Neben­fi­gu­ren sind gut beschrie­ben und kön­nen so sicher­lich in jedem Dorf an der West­küste ange­trof­fen wer­den. Das Finale der Kri­mi­nal­ge­schichte ist solide aus­ge­ar­bei­tet und sorgt beim Leser sicher­lich dafür, dass er das Buch am Ende zufrie­den zu klap­pen kann. Ob der Epi­log tat­säch­lich hätte sein müs­sen oder an ande­rer Stelle im Buch bes­ser gepasst hätte, bleibt als Frage stehen.

Wer einen klas­si­schen Krimi im Agatha‐​Christie‐​Aufbau sucht ist hier falsch. Wer jedoch Lust hat, sich mit einem hei­ßen Tasse Kakao und einer Woll­de­cke tief in die Sagen­welt der schleswig‐​holsteinischen West­küste (wie zum Bei­spiel Storms Schim­mel­rei­ter) zu bege­ben, und neben­bei einen Kri­mi­nal­fall mit auf­klä­ren möchte, liegt mit die­sem Buch genau richtig.

Über den Autor

Hen­drik Berg wurde 1964 in Ham­burg gebo­ren. Nach einem Stu­dium der Geschichte in Ham­burg und Madrid arbei­tete er zunächst als Jour­na­list und Wer­be­tex­ter. Seit 1996 ver­dient er sei­nen Lebens­un­ter­halt mit dem Schrei­ben von Dreh­bü­chern. Er wohnt mit sei­ner Frau und sei­nen bei­den Kin­dern in Köln. http://​www​.hen​drik​-berg​.de/

Wei­tere Informationen

  • Hen­drik Berg: Deich­mör­der
  • Kri­mi­nal­ro­man
  • Taschen­buch, Bro­schur, 352 Sei­ten, 11,8 x 18,7 cm
  • ISBN: 978−3−442−47991−7
  • € 8,99 (* empf. VK‐​Preis)
  • Ver­lag: Goldmann

Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt, die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon. Inter­es­sen: Poli­tik, Medien, Bür­ger­rechte, Filme, Kochen und alles rund um Kiel.

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