// Konzertreview

Freitag, 17. Februar 2012

Der ganz normale Wahnsinn

Udo Jürgens begeisterte Kiel

Udo Jürgens in großer Pose vor der Leinwand (Bild:AR).
Udo Jürgens in großer Pose vor der Leinwand (Bild:AR).

Es gibt Kon­zert­abende, an denen ein­fach alles stimmt: Die Moti­va­tion des Künst­lers, die Qua­li­tät der Songs, die Spiel­freude des Orches­ters, die per­fekt abge­stimmt Tech­nik und vor allem die Stim­mung im Publi­kum. Einen sol­chen Abend erleb­ten die Zuschauer bei Udo Jür­gens am Valen­tins­tag in der Kie­ler Spar­kas­sen­a­rena. Der 77‐​jährige Enter­tai­ner stellte sein neues Album vor, bot hand­ge­machte Musik auf hohem Niveau und geizte auch nicht mit Rück­bli­cken auf seine Klassiker.

Die Erwar­tungs­hal­tung war groß: Knapp 5000 eher ältere Besu­cher war­te­ten pünkt­lich um 20 Uhr dar­auf, dass sich der breite, über die kom­plette Bühne gespannte, blaue Samt­vor­hang öff­nen würde und klatsch­ten schon zur im Hin­ter­grund gespiel­ten, lei­sen Pia­nome­lo­die mit. Die Begeis­te­rung wuchs, als im dunk­len Saal über die Boxen Jür­gens´ Stimme ertönte, der von Lam­pen­fie­ber sang, mit „noch zwei Minu­ten“ eine Art Count­down her­un­ter­tönte und dabei genau wußte: „Drau­ßen war­test Du“.

Als der geraffte Vor­hang sich hob, war das Kie­ler Publi­kum bereits auf Betriebs­tem­pe­ra­tur und erhielt freien Blick auf das „Pepe Lienhard‐​Orchester“, vier Mit­glie­der des Jazz‐​Chors „The Voices“ und das schwarze Kla­vier auf einer blau aus­ge­leuch­te­ten Bühne. Im Hin­ter­grund war eine Lein­wand über die kom­plette Büh­nen­breite auf­ge­spannt und der Öster­rei­cher erschien im klas­si­schen schwar­zen Anzug mit rotem Ein­steck­tuch und Lack­schu­hen, die so poliert waren, dass sie bis in die letzte Sitz­reihe glänz­ten. Schon ab der ers­ten Minute wurde deut­lich: Die­ser Mann war per­fekt vor­be­rei­tet, das Kon­zert exakt durch­cho­reo­gra­fiert und jeder auf der Bühne hochkonzentriert.

Ein guter Musikmix

Udo Jür­gens mit sei­nen Solo‐​Musikern (Bild: Domi­nik Beck­mann).
Wer aus­schließ­lich auf ein „Best of“-Konzert mit zahl­rei­chen sei­ner Klas­si­ker gehofft hatte, wurde jedoch ent­täuscht. Udo Jür­gens prä­sen­tierte in der ers­ten Hälfte vor allem Titel aus sei­ner neuen CD „Der ganz nor­male Wahn­sinn“, die sich neben dem in der Musik stets prä­sen­ten Thema Liebe auch mit Angli­zis­men („Alles ist so easy“), aktu­el­len Gescheh­nis­sen in der Welt („Der ganz nor­male Wahn­sinn“) und den Aus­wir­kun­gen der Nut­zung von Face­book, Twit­ter oder GPS beschäf­ti­gen („Du bist durch­schaut“). Gerade bei die­sen Lie­dern wurde deut­lich, wel­che Alters­gruppe seine Musik in ers­ter Linie anspre­chen soll: Seine eigene. War der Unter­ton in „Der ganz nor­male Wahn­sinn“ noch der, dass die aktu­el­len Nach­rich­ten nicht schlim­mer seien als die Welt immer schon war, so zeugte „Alles ist so easy“ mehr von dem Unwil­len, neue eng­li­sche Lehn­worte in die deut­sche Spra­che zu inte­grie­ren. In „Du bist durch­schaut“ wurde dann ein Schre­ckens­sze­na­rio an die Wand gemalt, in dem es hieß: „pri­va­tes ist out“, nur weil das Auto per GPS den Stand­ort ver­rate, Twit­ter mit Nich­tig­kei­ten erfüllt sei und im schlimms­ten Fall – über­spitzt gesagt – die eige­nen Leber­werte bei Face­book für alle öffent­lich wer­den könn­ten. Auch das Augen­zwin­kern beim letz­ten Argu­ment konnte nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass der Aspekt der Medi­en­kom­pe­tenz kom­plett fehlte. Schließ­lich kann der Nut­zer immer noch selbst ent­schei­den, ob er das GPS am Auto ein­schal­tet, Infor­ma­tio­nen per Twit­ter teilt und wie er die Pri­vatein­stel­lun­gen bei Face­book einstellt.

Das ältere Publi­kum jedoch fühlte sich deut­lich ver­stan­den und quit­tierte die­ser Hom­mage an die Tech­nik­angst mit lau­tem Bei­fall und eini­gen Zwi­schen­ru­fen. Mit Zei­len wie „wer nie ver­liert, hat den Sieg nicht ver­dient“ durf­ten die Zuschauer dann an sei­nen Alters­weis­hei­ten teil­ha­ben. Nur die Titel über die Liebe wolle er bewußt nicht mit dem Zynis­mus, der sich im Alter ein­stel­len könne, wür­zen. Schließ­lich sei er an sei­nem 75. Geburts­tag „zum drit­ten Mal fünf­und­zwan­zig“ geworden.

In der zwei­ten Hälfte domi­nier­ten dann Med­leys vie­ler alt­be­kann­ter Klas­si­ker, die von den Kie­lern laut mit­ge­klatscht und mit­ge­sun­gen wur­den. Jür­gens selbst kom­men­tierte, dass seine Titel schon so bekannt seien, dass wenige Töne reich­ten, um erkannt zu wer­den und tat­säch­lich wurde das vor­her andäch­tig den Tex­ten der neuen CD lau­schende Publi­kum bei Lie­dern wie „17 Jahr´, blon­des Haar´“ aus­ge­las­se­ner und text­si­cher. Wie auf Stich­wort rann­ten ca. 80 bis 100 Per­so­nen vor die Bühne, über­reich­ten Rosen wie zu bes­ten „ZDF-Hitparade“-Zeiten und freu­ten sich über den regel­mä­ßi­gen Hand­schlag des Künstlers.

Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Publi­kum und eine hohe Musikerqualität

Schon zu Beginn des Auf­tritts zeigte sich deut­lich, dass Udo Jür­gens ein Mann der „alten Schule“ ist, und das im ganz posi­ti­ven Sinne. Wäh­rend es immer übli­cher wird, dass Künst­ler eine Bühne betre­ten, ihre Titel spie­len, ein kur­zes „Wie gehts? Gut?“ ins Publi­kum rufen und dann nach

So prä­sen­tiert sich Udo Jür­gens auf der neuen CD (Foto: Gerald von Foris).
60 Minu­ten den Saal ver­las­sen, nahm sich der Öster­rei­cher viel Zeit für sein Publi­kum und die Musi­ker auf der Bühne. Gleich am Anfang bedankte er sich beim Publi­kum für das Erschei­nen und ist voll des Lobes für den Band­lea­der des „Pepe‐​Lienhard‐​Orchesters“, mit dem er nun seit 36 Jah­ren zusam­men­ar­beite, „solange habe ich keine ein­zige Ehe geschafft“. Fast jedem Song geht eine kurze Ein­lei­tung vor­aus, Solo­mu­si­kern wurde inner­halb der Titel genü­gend Raum gege­ben und sie wer­den danach vor­ge­stellt. Das Publi­kum quit­tierte sol­che Solo­ein­la­gen von Geige, Bass­gi­tarre, Flü­gel­horn etc. mit Applaus noch inner­halb der Lie­der. Die Liebe, die zwi­schen Udo Jür­gens und sei­nen Musi­kern, sowie zwi­schen dem Enter­tai­ner und sei­nem Publi­kum in beide Rich­tun­gen floss, war bei­nahe greifbar.

Den Chor hatte Jür­gens bei einem Jazz­kon­zert ent­deckt und direkt für seine Tour­nee enga­giert. Sein Chor, so erzählt er, solle jedoch nicht nur „Uhhh„s und „Aaaahhh„s sin­gen, son­dern bekam mehr­mals die Gele­gen­heit, ihr musi­ka­li­sches und stimm­li­ches Kön­nen zu zei­gen, zum Bei­spiel mit einer Frank Sinatra‐​Hommage mit­ten in Udo Jür­gens´ Klas­si­ker „Ich war noch nie­mals in New York“, der in der Live­ver­sion auch gleich um The­men wie das „Dschungelcamp„aktualisiert wurde.

Das Publi­kum hatte der ESC‐​Gewinner und „alte Hase“ im Show­ge­schäft in jeder Minute im Griff. Mit­sin­gen war erlaubt, doch nur mit ihm gemein­sam. Ledig­lich ein „Mit­sum­men“ der bekann­ten Titel wurde von ihm aktiv for­ciert. Been­det wurde das Kon­zert dann stan­des­ge­mäß im wei­ßen Bade­man­tel, allein auf der Bühne, nur mit sei­nem Kla­vier und wei­te­ren, zu Med­leys zusam­men­ge­fass­ten Klas­si­kern wie „Grie­chi­scher Wein“ oder „Liebe ohne Leiden“.

Auf­wän­di­ges Programm

Doch ein Udo Jür­gens wäre nicht schon so lange erfolg­reich, wenn er auf Tour­nee ledig­lich seine Musik spie­len würde. Beson­dere Erwäh­nung sollte daher neben der sehr hohen Qua­li­tät der Musi­ker und des Gesangs die Ver­wen­dung der gro­ßen Lein­wand fin­den, die nicht nur vor­han­den war, um auch den augen­schwa­chen Besu­chern in den hin­te­ren Rei­hen einen guten Blick auf den Künst­ler zu geben. Sie wurde außer­dem genutzt, um per Video Kunst­werke von Man­fred Bockel­mann zu zei­gen, des­sen Arbeit Udo Jür­gens in sei­nem Lied: „Mein Bru­der ist ein Maler“ the­ma­ti­sierte. Wäh­rend „Der ganz nor­male Wahn­sinn“ wurde eine wech­selnde Bild­col­lage der aktu­el­len Köpfe und The­men in den Nach­rich­ten gezeigt, wie z.B. Wulff, Boh­len, ölige Vögel oder Bil­der von Terroristen.

Auch auf sein Buch und den dazu­ge­hö­ri­gen Film kam der Wahl­schwei­zer zu spre­chen: Neben einem kur­zen Abriss der Gescheh­nisse (Buch erfolg­reich ver­legt, erfolg­reich ver­filmt, mit „Bambi“ gekrönt) wur­den knappe zehn Minu­ten die High­lights des TV‐​Zweiteilers „Der Mann mit dem Fagott“ auf der gro­ßen Pro­jek­ti­ons­flä­che gezeigt, unter­malt von der Musik des „Pepe‐​Lienhard‐​Orchesters“, die an die gol­de­nen Zei­ten der Stumm­fil­mära erin­nerte, in der ein Orches­ter die Bil­der noch live im Kino­saal ver­tonte, sowie dem von Jür­gens selbst beige­steu­er­tem Sound­track zum Film. Das Kie­ler Publi­kum dankte dem Künst­ler den auf­wän­dig gestal­te­ten Abend mit viel Applaus, einer durch­ge­hend guten Stim­mung und stan­ding ova­tions am Ende des Abends.

Video

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Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon.

Kommentare


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es war ein ganz gran­dio­ses Kon­zert – ich habe wirk­lich jede Minute genos­sen! Schöne tref­fende Rezen­sion und ja: man merkt, wie sehr Udo mit sei­nem Publi­kum ver­bun­den ist und die Zusam­men­ar­beit mit den ande­ren Musikern/​Künstlern und sei­nem gan­zen Team wert­schätzt! Ich denke, dies „auf­ge­hen“ in dem, was er tut,hat auch einen ganz gro­ßen Bei­trag zu der Stim­mung und dem unver­wech­sel­ba­ren Flair sei­ner Konzerte!

Freitag, 02. März 2012, 15:32


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