Freitag, 17. Februar 2012
Der ganz normale WahnsinnDie Erwartungshaltung war groß: Knapp 5000 eher ältere Besucher warteten pünktlich um 20 Uhr darauf, dass sich der breite, über die komplette Bühne gespannte, blaue Samtvorhang öffnen würde und klatschten schon zur im Hintergrund gespielten, leisen Pianomelodie mit. Die Begeisterung wuchs, als im dunklen Saal über die Boxen Jürgens´ Stimme ertönte, der von Lampenfieber sang, mit „noch zwei Minuten“ eine Art Countdown heruntertönte und dabei genau wußte: „Draußen wartest Du“.
Als der geraffte Vorhang sich hob, war das Kieler Publikum bereits auf Betriebstemperatur und erhielt freien Blick auf das „Pepe Lienhard‐Orchester“, vier Mitglieder des Jazz‐Chors „The Voices“ und das schwarze Klavier auf einer blau ausgeleuchteten Bühne. Im Hintergrund war eine Leinwand über die komplette Bühnenbreite aufgespannt und der Österreicher erschien im klassischen schwarzen Anzug mit rotem Einstecktuch und Lackschuhen, die so poliert waren, dass sie bis in die letzte Sitzreihe glänzten. Schon ab der ersten Minute wurde deutlich: Dieser Mann war perfekt vorbereitet, das Konzert exakt durchchoreografiert und jeder auf der Bühne hochkonzentriert.
Wer ausschließlich auf ein „Best of“-Konzert mit zahlreichen seiner Klassiker gehofft hatte, wurde jedoch enttäuscht. Udo Jürgens präsentierte in der ersten Hälfte vor allem Titel aus seiner neuen CD „Der ganz normale Wahnsinn“, die sich neben dem in der Musik stets präsenten Thema Liebe auch mit Anglizismen („Alles ist so easy“), aktuellen Geschehnissen in der Welt („Der ganz normale Wahnsinn“) und den Auswirkungen der Nutzung von Facebook, Twitter oder GPS beschäftigen („Du bist durchschaut“). Gerade bei diesen Liedern wurde deutlich, welche Altersgruppe seine Musik in erster Linie ansprechen soll: Seine eigene. War der Unterton in „Der ganz normale Wahnsinn“ noch der, dass die aktuellen Nachrichten nicht schlimmer seien als die Welt immer schon war, so zeugte „Alles ist so easy“ mehr von dem Unwillen, neue englische Lehnworte in die deutsche Sprache zu integrieren. In „Du bist durchschaut“ wurde dann ein Schreckensszenario an die Wand gemalt, in dem es hieß: „privates ist out“, nur weil das Auto per GPS den Standort verrate, Twitter mit Nichtigkeiten erfüllt sei und im schlimmsten Fall – überspitzt gesagt – die eigenen Leberwerte bei Facebook für alle öffentlich werden könnten. Auch das Augenzwinkern beim letzten Argument konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Aspekt der Medienkompetenz komplett fehlte. Schließlich kann der Nutzer immer noch selbst entscheiden, ob er das GPS am Auto einschaltet, Informationen per Twitter teilt und wie er die Privateinstellungen bei Facebook einstellt.
Das ältere Publikum jedoch fühlte sich deutlich verstanden und quittierte dieser Hommage an die Technikangst mit lautem Beifall und einigen Zwischenrufen. Mit Zeilen wie „wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient“ durften die Zuschauer dann an seinen Altersweisheiten teilhaben. Nur die Titel über die Liebe wolle er bewußt nicht mit dem Zynismus, der sich im Alter einstellen könne, würzen. Schließlich sei er an seinem 75. Geburtstag „zum dritten Mal fünfundzwanzig“ geworden.
In der zweiten Hälfte dominierten dann Medleys vieler altbekannter Klassiker, die von den Kielern laut mitgeklatscht und mitgesungen wurden. Jürgens selbst kommentierte, dass seine Titel schon so bekannt seien, dass wenige Töne reichten, um erkannt zu werden und tatsächlich wurde das vorher andächtig den Texten der neuen CD lauschende Publikum bei Liedern wie „17 Jahr´, blondes Haar´“ ausgelassener und textsicher. Wie auf Stichwort rannten ca. 80 bis 100 Personen vor die Bühne, überreichten Rosen wie zu besten „ZDF-Hitparade“-Zeiten und freuten sich über den regelmäßigen Handschlag des Künstlers.
Schon zu Beginn des Auftritts zeigte sich deutlich, dass Udo Jürgens ein Mann der „alten Schule“ ist, und das im ganz positiven Sinne. Während es immer üblicher wird, dass Künstler eine Bühne betreten, ihre Titel spielen, ein kurzes „Wie gehts? Gut?“ ins Publikum rufen und dann nach
60 Minuten den Saal verlassen, nahm sich der Österreicher viel Zeit für sein Publikum und die Musiker auf der Bühne. Gleich am Anfang bedankte er sich beim Publikum für das Erscheinen und ist voll des Lobes für den Bandleader des „Pepe‐Lienhard‐Orchesters“, mit dem er nun seit 36 Jahren zusammenarbeite, „solange habe ich keine einzige Ehe geschafft“. Fast jedem Song geht eine kurze Einleitung voraus, Solomusikern wurde innerhalb der Titel genügend Raum gegeben und sie werden danach vorgestellt. Das Publikum quittierte solche Soloeinlagen von Geige, Bassgitarre, Flügelhorn etc. mit Applaus noch innerhalb der Lieder. Die Liebe, die zwischen Udo Jürgens und seinen Musikern, sowie zwischen dem Entertainer und seinem Publikum in beide Richtungen floss, war beinahe greifbar.Den Chor hatte Jürgens bei einem Jazzkonzert entdeckt und direkt für seine Tournee engagiert. Sein Chor, so erzählt er, solle jedoch nicht nur „Uhhh„s und „Aaaahhh„s singen, sondern bekam mehrmals die Gelegenheit, ihr musikalisches und stimmliches Können zu zeigen, zum Beispiel mit einer Frank Sinatra‐Hommage mitten in Udo Jürgens´ Klassiker „Ich war noch niemals in New York“, der in der Liveversion auch gleich um Themen wie das „Dschungelcamp„aktualisiert wurde.
Das Publikum hatte der ESC‐Gewinner und „alte Hase“ im Showgeschäft in jeder Minute im Griff. Mitsingen war erlaubt, doch nur mit ihm gemeinsam. Lediglich ein „Mitsummen“ der bekannten Titel wurde von ihm aktiv forciert. Beendet wurde das Konzert dann standesgemäß im weißen Bademantel, allein auf der Bühne, nur mit seinem Klavier und weiteren, zu Medleys zusammengefassten Klassikern wie „Griechischer Wein“ oder „Liebe ohne Leiden“.
Doch ein Udo Jürgens wäre nicht schon so lange erfolgreich, wenn er auf Tournee lediglich seine Musik spielen würde. Besondere Erwähnung sollte daher neben der sehr hohen Qualität der Musiker und des Gesangs die Verwendung der großen Leinwand finden, die nicht nur vorhanden war, um auch den augenschwachen Besuchern in den hinteren Reihen einen guten Blick auf den Künstler zu geben. Sie wurde außerdem genutzt, um per Video Kunstwerke von Manfred Bockelmann zu zeigen, dessen Arbeit Udo Jürgens in seinem Lied: „Mein Bruder ist ein Maler“ thematisierte. Während „Der ganz normale Wahnsinn“ wurde eine wechselnde Bildcollage der aktuellen Köpfe und Themen in den Nachrichten gezeigt, wie z.B. Wulff, Bohlen, ölige Vögel oder Bilder von Terroristen.
Auch auf sein Buch und den dazugehörigen Film kam der Wahlschweizer zu sprechen: Neben einem kurzen Abriss der Geschehnisse (Buch erfolgreich verlegt, erfolgreich verfilmt, mit „Bambi“ gekrönt) wurden knappe zehn Minuten die Highlights des TV‐Zweiteilers „Der Mann mit dem Fagott“ auf der großen Projektionsfläche gezeigt, untermalt von der Musik des „Pepe‐Lienhard‐Orchesters“, die an die goldenen Zeiten der Stummfilmära erinnerte, in der ein Orchester die Bilder noch live im Kinosaal vertonte, sowie dem von Jürgens selbst beigesteuertem Soundtrack zum Film. Das Kieler Publikum dankte dem Künstler den aufwändig gestalteten Abend mit viel Applaus, einer durchgehend guten Stimmung und standing ovations am Ende des Abends.
Direkt bei youtube schauen.
es war ein ganz grandioses Konzert – ich habe wirklich jede Minute genossen! Schöne treffende Rezension und ja: man merkt, wie sehr Udo mit seinem Publikum verbunden ist und die Zusammenarbeit mit den anderen Musikern/Künstlern und seinem ganzen Team wertschätzt! Ich denke, dies „aufgehen“ in dem, was er tut,hat auch einen ganz großen Beitrag zu der Stimmung und dem unverwechselbaren Flair seiner Konzerte!
Freitag, 02. März 2012, 15:32