Montag, 12. März 2012
Neu auf DVDDie interessantesten Momente und Geschichten des Leben beruhen auf ihrer Unvorhersehbarkeit. Daher nimmt dieser Film für mich einen hohen Stellenwert ein und ist so besonders, dass er zu Recht für die Filmfestspiele in Cannes nominiert ist.
Unter dem Genre Erotikdrama vorgestellt, wird dem Kinobesucher eine bestimmte Erwartungshaltung vermittelt. Das Erstlingswerk der australischen Regisseurin Julia Leigh ist aber viel mehr als das. Die Hauptdarstellerin Emily Browning (Lucy) ist sicherlich hübsch, und es wird viel nackte Haut gezeigt, aber so scheint „Sleeping Beauty“ einem größeren Publikum zugänglich gemacht zu werden, eventuell soll in diesem Zusammenhang auf eine subtile Art und Weise auch eine bestimmte zusätzliche Zielgruppe erreicht werden.
Die Geschichte erinnert zudem zumindest von den Rahmenbedingungen an ein zeitaktuelles Studentenleben, in dem man sich eben auch ab und zu mal die Miete des WG‐Zimmers kaum leisten kann. Lucy nimmt diverse Jobs an, um sich ihr Leben finanzieren zu können und nimmt dabei wie ein heute großer Teil der Gesellschaft in Kauf, dass sie langweilige oder lästige Arbeiten auszuführen hat. Wir sehen, dass sie dabei grundsätzlich keine Mühen scheut – Lucy muss viel über sich ergehen lassen, Im wahrsten Sinne des Begriffes „viel schlucken“. Sie nimmt beispielsweise an einer Studie teil, für die sie sich eine Sonde oral einführen lässt.
So nimmt es sich letztlich nicht wunder, dass die Story des Films Lucy zeigen wird, wie sie einen der ungewöhnlichsten Jobs der Welt antritt – der bei anderem, neuen Licht betrachtet womöglich einer der naheliegendsten Jobs der Welt ist.
Dornröschen könnte nicht tiefer schlafen
Lucy wird zur „Sleeping Beauty“ für die verlorenen Seelen des Teils der Gesellschaft, den wir als politisch‐motivierte, mitdenkende Menschen nur zu gerne in gedankliche Schubladen stecken – hier zeigt sich aber, dass Perversität und Schönheit des Lebens nah beieinander liegen. So muss man ertragen dabei zuzusehen, wie Lucy unter ihrem ungewöhnlichen Job zu leiden hat, und auf der anderen Seite, wie sie nicht nur finanziell davon profitiert – sie gewinnt einerseits an Prestige, was ihre Beliebtheit bei den Kunden ihrer Agentur fördert, andererseits gewinnt sie an Selbstwertgefühl und lässt auch Abenteuer in ihrem Leben zu. Es scheint, dass sie sich, obwohl sie einen Job mit hohem physischen und psychischen Risikopotential ausführt, insgesamt besser durchs Leben schlägt als ihre Kommilitonen, die beliebige, austauschbare Jobs ausüben, und auch besser als beispielsweise ein enger, intellektueller Freund von ihr (Birdmann, gespielt von Ewen Leslie), der trotz hohem Empathievermögen – oder vielleicht gerade deshalb – dem Alkohol unterliegt und sich in dieser Leistungsgesellschaft nicht mehr zu behaupten weiß.
Spätestens als Lucy einen Teil des ersten Gehalts von ihrem Job als „Sleeping Beauty“ in einer Szene schlichtweg verbrennt, weiß der Zuschauer, dass das Genre und der Subtext des Film viel breiter gefasst ist als womöglich zunächst angenommen. Auch eine Referenz an Sophia Coppolas „Lost in Translation“ lässt sich erkennen, sowie eindeutig dem Thema der Vergänglichkeit gewidmete, immer wieder in der Szenerie auftauchende Blumenarragements (auch die Rosen eines Dornröschens lassen sich finden…).
Als dann auch noch die gesellschaftskritische Erzählung Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“ in einer Schlüsselszene vis‐à‐vis dem Zuschauer wiedergegeben wird, ist klar: wir sind alle mehr wert als die Summe der einzelnen Teile – wenn wir einen Job ausüben/leben, der andere in ihrer Weltsicht provoziert, oder wenn wir am liebsten aussteigen würden, aus den kapitalistischen Rahmenbedingungen, oder wenn wir einfach mit anderen Kontexten konfrontiert und herausgefordert werden. So wird dieses „Erotikdrama“ mit Gesellschaftskritik aufgeladen und man erkennt, dass es im Leben auf mehr ankommt als nur auf den scheinbar erforderlichen Umstand, ein funktionierendes Zahnrädchen im Uhrwerk der bekanntlich lohnerwerbsarbeitorientierten Gesellschaft zu sein. Nicht die üblichen austauschbaren Tätigkeiten wie die zu Beginn des Films dargestellten studentischen Jobs inspirieren uns, sondern die Liebe und die Kunst.
In Zusammenarbeit mit dem Traum Kino Kiel verlosen wir je eine DVD und eine BluRay des Films „Sleeping Beauty“. Um zu gewinnen schickt ihr eine Mail an gewinnen@foerdefluesterer.de. Bitte nennt im Betreff „Sleeping Beauty“, eure vollständige Adresse und ob ihr eine DVD oder eine BluRay gewinnen wollt – und die Antwort auf folgende Frage:
Sara Marie Hauschildt lebt in Kiel, liebt kleine Tiere und große Gedanken. Sie engagiert sich für ihre Überzeugungen und schreibt nun häufiger beim Fördeflüsterer über ihre Kinobesuche.
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