Mittwoch, 01. Februar 2012
Mein lieber SchwanStille liegt über der Bühne. Man erkennt eine Frau, einen schemenhaften Knaben, einen „Gerichts“-Baum, Treppen, nebelhafte Dunkelheit. Der Knabe entschwindet in die Schatten während nun erst die Kieler Philharmoniker zu ihrem Spiel anheben und über die Szenerie sich langsam völlige Dunkelheit legt.
Zunächst, natürlich, erklingen die Geigen. So betörend, vielleicht ein wenig zu schnell gespielt – der Reiz dieses Vorspiels, der „wimmernden Geige“, nicht ganz ausgekostet wie es hätte sein können. Und doch nicht minder schön. Mit dem Einsatz der weiteren Instrumente liegt eine musikalische Dynamik in der Luft, die ihre Spitze sozusagen mit „Pauken und Trompeten“ erfährt und dann elegant in die Streichermusik zurückfindet. Manch ein Konzertbesucher hat bereits hier genießerisch den Kopf zurückgelegt; der musikalische Auftakt zu Wagners Lohengrin macht den Moment fast zu einem Konzertbesuch. Und zwar im besten Sinne.
Auch im weiteren Verlauf genießt der ein oder andere Opernbesucher mit geschlossenen Augen während die Kieler Philharmoniker mal sanft, mal fordernd, mal musikalische Hauptrolle und dann wiederum scheinbar die Nebenrolle spielen. Ihr Spiel bietet den Solisten und dem so hervorragenden Chor (Choreinstudierung: Barbara Kler) die rechte Stimmentfaltungsmöglichkeiten. Das ist wohlgetan. Ein wenig wackelig vielleicht: die Königstrompeten. Ansonsten: toll, die Philharmoniker. Weil, um bei der wagnerschen Vorlage zu bleiben, „treulich geführt“, treulich dirigiert von Georg Fritzsch.
Treulich geführt ist auch das gesamte Bühnenpersonal. Dank der klugen Regie von Georg Köhl (und der Dramaturgie Cordula Engelberts), die dankenswerter Weise auf plakativen Pathos verzichtet. Keine verkitschte Schwanendarstellung, die den unbekannten Retter der Elsa von Brabant bringt. Das Herannahen des Schwans gelingt mit Gestik und Mimik, mit Licht und der wagnerischen Musik. Als Zuschauer ist man geneigt, doch einige Blicke in den Saal zu werfen – wer weiß, ob nicht doch ein weißes Federvieh, über eine Seilwinde vielleicht, durch den Saal schweben möge. Aber nichts da. Gut so. Glauben ist alles.
Das einfache, praktisch‐vielseitige Bühnenbild (Norbert Ziermann) erdrückt nicht, bietet Raum für Personal und Geschehen und unterstreicht – Dank Videoleinwänden und Lichttechnik – Stimmungen, Emotionen, Geschehen. Die Kostüme (Claudia Spielmann) sind weder übertrieben modern noch altbacken und passen gut zum gesamten Konzept.
Im kleinen Kosmos Bravants sind die Götter noch sehr präsent; die Bevölkerung huldigt offiziell dem christlichen Gott. Manche, wie die listenreiche Ortrud, hängen an Wotan.
Mit Raffinesse und magischen Qualitäten will Ortrud an die Macht:
Alexandra Petersamer spielt die Ortrud mit einer Präsenz, die die Figur von Anfang an glaubhaft macht. Ihr Mezzosopran überzeugt vom ersten Ton. Ihren Gemahl‐fatal, den brabantischen Grafen Friedrich von Telramund (Jörg Sabrowski), weiß Petersamers Ortrud zu betören. Raffiniert weiß sie ihn einzuwickeln als es gilt, den vermeintlichen Tod des unmündigen Herzogs Gottfried von Brabant dessen Schwester Elsa (Sopranistin Katrin Adel) anzuhängen. Das würde die Herrschaft über Brabant für Ortruds Gemahl freimachen: Bariton Jörg Sabrowski spielt den Intriganten und beweist wieder einmal seine Wandlungsfähigkeit auf der Bühne. Gesanglich und spielerisch zeigt er das, was man erwarten darf: Qualität. Es ist eine Freude ihm zuzuschauen.Unter diesen Zuständen lebt die unschuldige Elsa, die mit Sopranistin Katrin Adel vielversprechend besetzt ist. Der gesangliche Einstieg der Sopranistin Adel wirkt stellenweise etwas tastend, kantig. Im zweiten und dritten Aufzug ist davon nichts zu merken: Adel zeigt ihr gesangliches Können; man hört und sieht ihr gerne zu. Sehr eindrucksvoll sind die Szenen, wenn Elsa Ortrud aufnimmt oder Elsa wortbrüchig wird. Adels Spiel wirkt lebendig; doch manchmal passt die Mimik nicht zum Inhalt des Gesangs.
Zunächst aber ist Elsa noch des Verbrechens an ihrem Bruder Gottfried angeklagt. Während Ortrud und Friedrich merken, das Macht nicht so schnell zu bekommen ist. Ihre erste Niederlage passiert am Gerichtstag: Heinrich der Vogler (solid: Bassist Petros Magoulas), seines Zeichens deutscher König, – soll über Elsa richten. Ein namenloser Ritter (Lohengrin), den Elsa zuvor erträumte, erscheint. Natürlich bittet der Liebende Elsa um ihre Hand. Doch er fordert:
„Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art.“
Elsa verspricht dies. So streitet der Ritter für Ehre und Leben der Elsa; auf schöne Weise von der Regie inszeniert: ganz ohne Waffeneinsatz und Gräuel. Dafür mit Argumenten, dargestellt unter Zuhilfenahme von Videobildern und dem Einsatz beschrifteter Plakate. Den Gotteskampf gegen den Ankläger Telramund gewinnt der charismatische Er‐dessen‐Namen‐Art‐Fahrt‐niemand‐wissen‐darf (Lohengrin).
Gesungen wird die Lohengrin‐Partie vom koreanischen Ausnahmetenor Sung‐Kyu Park, der in Kiel als Prinz in Dvořáks „Rusalka“ debütierte. Parks Ritter Lohengrin ist kein lauter, mit schwerer Rüstung ausgestatteter Streiter für den Frieden sondern eher einer, der mit Bedacht, Charme und Vertrauen Brabants Volk schützen will. Parks gesangliche Stärke überzeugt von Beginn – von einigen angestrengt gesungen wirkenden Stellen abgesehen. Seinen musikalischen Höhepunkt findet der Tenor als seine Angetraute (Elsa) die verbotene Frage stellt. Doch Liebe und Mensch (Elsa, Volk) wollen die Wahrheit. Auch wenn einem dann „der Himmel oder die Last des Wissens fast auf den Kopf fällt“. Wie Park sich hiernach gesanglich als Gralsritter und Gralsprinz offenbart und seine Geschichte erzählt, ist gänsehauterregend schön. Seine Offenbarung eröffnet den Schlussakkord für das dramatische Ende.Es ist stets ein Wagnis Wagners Werke, nicht nur weit entfernt bayreuthscher Wirkstätten, zu inszenieren. Die einen Zuschauer sind hingerissen, die anderen nicht. Manche Klientel wird auch an der Kieler Inszenierung was auszusetzen haben. So die Schlussszene – der verschwundene Gottfried von Brabant erscheint einer Lichtgestalt gleich jenen unverhofft, die zuvor bestürzt den Abgang ihres Beschützers Lohengrins erlebten. Die Regie hat hier „Lohengrin“ interessant interpretiert. Manch striktem Wagnerianer wird dies sicher nicht munden. Letztendlich sind Abweichungen eine Frage von Mut, Geschmäckle und Kunst. Schöne Inszenierung.