// Bühne

Mittwoch, 01. Februar 2012

Mein lieber Schwan

Ovationen für Kieler „Lohengrin“-Premiere

Katrin Adel, Alexandra Petersamer, Foto: O. Struck
Katrin Adel, Alexandra Petersamer, Foto: O. Struck

Vier Stun­den Lohen­grin – das ist schon was. Wer sich dar­auf ein­lässt, wird in Kiel mit einer her­vor­ra­gen­den Insze­nie­rung belohnt. Allein die Chor­mu­sik ist Genuss. Das Pre­mie­ren­pu­bli­kum am Sams­tag (28.01.) spen­dete viele wohl­ver­diente Bra­vos und Fuß­ge­stampfe. Die weni­gen Buhs sind all­ge­mein auch typisch.

Kie­ler Phil­har­mo­ni­ker & Chor

Stille liegt über der Bühne. Man erkennt eine Frau, einen sche­men­haf­ten Kna­ben, einen „Gerichts“-Baum, Trep­pen, nebel­hafte Dun­kel­heit. Der Knabe ent­schwin­det in die Schat­ten wäh­rend nun erst die Kie­ler Phil­har­mo­ni­ker zu ihrem Spiel anhe­ben und über die Sze­ne­rie sich lang­sam völ­lige Dun­kel­heit legt.

Zunächst, natür­lich, erklin­gen die Gei­gen. So betö­rend, viel­leicht ein wenig zu schnell gespielt – der Reiz die­ses Vor­spiels, der „wim­mern­den Geige“, nicht ganz aus­ge­kos­tet wie es hätte sein kön­nen. Und doch nicht min­der schön. Mit dem Ein­satz der wei­te­ren Instru­mente liegt eine musi­ka­li­sche Dyna­mik in der Luft, die ihre Spitze sozu­sa­gen mit „Pau­ken und Trom­pe­ten“ erfährt und dann ele­gant in die Strei­cher­mu­sik zurück­fin­det. Manch ein Kon­zert­be­su­cher hat bereits hier genie­ße­risch den Kopf zurück­ge­legt; der musi­ka­li­sche Auf­takt zu Wag­ners Lohen­grin macht den Moment fast zu einem Kon­zert­be­such. Und zwar im bes­ten Sinne.

Auch im wei­te­ren Ver­lauf genießt der ein oder andere Opern­be­su­cher mit geschlos­se­nen Augen wäh­rend die Kie­ler Phil­har­mo­ni­ker mal sanft, mal for­dernd, mal musi­ka­li­sche Haupt­rolle und dann wie­derum schein­bar die Neben­rolle spie­len. Ihr Spiel bie­tet den Solis­ten und dem so her­vor­ra­gen­den Chor (Chor­ein­stu­die­rung: Bar­bara Kler) die rechte Stimm­ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten. Das ist wohl­ge­tan. Ein wenig wacke­lig viel­leicht: die König­s­trom­pe­ten. Ansons­ten: toll, die Phil­har­mo­ni­ker. Weil, um bei der wag­ner­schen Vor­lage zu blei­ben, „treu­lich geführt“, treu­lich diri­giert von Georg Fritzsch.

Regie & Co.

Treu­lich geführt ist auch das gesamte Büh­nen­per­so­nal. Dank der klu­gen Regie von Georg Köhl (und der Dra­ma­tur­gie Cor­dula Engel­berts), die dan­kens­wer­ter Weise auf pla­ka­ti­ven Pathos ver­zich­tet. Keine ver­kitschte Schwa­nen­dar­stel­lung, die den unbe­kann­ten Ret­ter der Elsa von Bra­bant bringt. Das Her­an­na­hen des Schwans gelingt mit Ges­tik und Mimik, mit Licht und der wag­ne­ri­schen Musik. Als Zuschauer ist man geneigt, doch einige Bli­cke in den Saal zu wer­fen – wer weiß, ob nicht doch ein wei­ßes Feder­vieh, über eine Seil­winde viel­leicht, durch den Saal schwe­ben möge. Aber nichts da. Gut so. Glau­ben ist alles.

Das ein­fa­che, praktisch‐​vielseitige Büh­nen­bild (Nor­bert Zier­mann) erdrückt nicht, bie­tet Raum für Per­so­nal und Gesche­hen und unter­streicht – Dank Video­lein­wän­den und Licht­tech­nik – Stim­mun­gen, Emo­tio­nen, Gesche­hen. Die Kos­tüme (Clau­dia Spiel­mann) sind weder über­trie­ben modern noch alt­ba­cken und pas­sen gut zum gesam­ten Konzept.

Solis­ten & Geschehen

Im klei­nen Kos­mos Bra­vants sind die Göt­ter noch sehr prä­sent; die Bevöl­ke­rung hul­digt offi­zi­ell dem christ­li­chen Gott. Man­che, wie die lis­ten­rei­che Ortrud, hän­gen an Wotan.

Mit Raf­fi­nesse und magi­schen Qua­li­tä­ten will Ortrud an die Macht:

Kat­rin Adel, Alex­an­dra Peter­sa­mer, Foto: O. Struck
Alex­an­dra Peter­sa­mer spielt die Ortrud mit einer Prä­senz, die die Figur von Anfang an glaub­haft macht. Ihr Mez­zo­so­pran über­zeugt vom ers­ten Ton. Ihren Gemahl‐​fatal, den bra­ban­ti­schen Gra­fen Fried­rich von Tel­ra­mund (Jörg Sab­row­ski), weiß Peter­sa­mers Ortrud zu betö­ren. Raf­fi­niert weiß sie ihn ein­zu­wi­ckeln als es gilt, den ver­meint­li­chen Tod des unmün­di­gen Her­zogs Gott­fried von Bra­bant des­sen Schwes­ter Elsa (Sopra­nis­tin Kat­rin Adel) anzu­hän­gen. Das würde die Herr­schaft über Bra­bant für Ortruds Gemahl frei­ma­chen: Bari­ton Jörg Sab­row­ski spielt den Intri­gan­ten und beweist wie­der ein­mal seine Wand­lungs­fä­hig­keit auf der Bühne. Gesang­lich und spie­le­risch zeigt er das, was man erwar­ten darf: Qua­li­tät. Es ist eine Freude ihm zuzuschauen.

Unter die­sen Zustän­den lebt die unschul­dige Elsa, die mit Sopra­nis­tin Kat­rin Adel viel­ver­spre­chend besetzt ist. Der gesang­li­che Ein­stieg der Sopra­nis­tin Adel wirkt stel­len­weise etwas tas­tend, kan­tig. Im zwei­ten und drit­ten Auf­zug ist davon nichts zu mer­ken: Adel zeigt ihr gesang­li­ches Kön­nen; man hört und sieht ihr gerne zu. Sehr ein­drucks­voll sind die Sze­nen, wenn Elsa Ortrud auf­nimmt oder Elsa wort­brü­chig wird. Adels Spiel wirkt leben­dig; doch manch­mal passt die Mimik nicht zum Inhalt des Gesangs.

Zunächst aber ist Elsa noch des Ver­bre­chens an ihrem Bru­der Gott­fried ange­klagt. Wäh­rend Ortrud und Fried­rich mer­ken, das Macht nicht so schnell zu bekom­men ist. Ihre erste Nie­der­lage pas­siert am Gerichts­tag: Hein­rich der Vog­ler (solid: Bas­sist Petros Magou­las), sei­nes Zei­chens deut­scher König, – soll über Elsa rich­ten. Ein namen­lo­ser Rit­ter (Lohen­grin), den Elsa zuvor erträumte, erscheint. Natür­lich bit­tet der Lie­bende Elsa um ihre Hand. Doch er fordert:

Nie sollst du mich befra­gen, noch Wis­sens Sorge tra­gen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art.“

Elsa ver­spricht dies. So strei­tet der Rit­ter für Ehre und Leben der Elsa; auf schöne Weise von der Regie insze­niert: ganz ohne Waf­fen­ein­satz und Gräuel. Dafür mit Argu­men­ten, dar­ge­stellt unter Zuhil­fe­nahme von Video­bil­dern und dem Ein­satz beschrif­te­ter Pla­kate. Den Got­tes­kampf gegen den Anklä­ger Tel­ra­mund gewinnt der cha­ris­ma­ti­sche Er‐​dessen‐​Namen‐​Art‐​Fahrt‐​niemand‐​wissen‐​darf (Lohengrin).

Sung‐​Kyu Park (Lohen­grin), Sta­tist, Foto: O. Struck
Gesun­gen wird die Lohengrin‐​Partie vom korea­ni­schen Aus­nah­me­te­nor Sung‐​Kyu Park, der in Kiel als Prinz in Dvořáks „Rusalka“ debü­tierte. Parks Rit­ter Lohen­grin ist kein lau­ter, mit schwe­rer Rüs­tung aus­ge­stat­te­ter Strei­ter für den Frie­den son­dern eher einer, der mit Bedacht, Charme und Ver­trauen Bra­bants Volk schüt­zen will. Parks gesang­li­che Stärke über­zeugt von Beginn – von eini­gen ange­strengt gesun­gen wir­ken­den Stel­len abge­se­hen. Sei­nen musi­ka­li­schen Höhe­punkt fin­det der Tenor als seine Ange­traute (Elsa) die ver­bo­tene Frage stellt. Doch Liebe und Mensch (Elsa, Volk) wol­len die Wahr­heit. Auch wenn einem dann „der Him­mel oder die Last des Wis­sens fast auf den Kopf fällt“. Wie Park sich hier­nach gesang­lich als Grals­rit­ter und Gral­s­prinz offen­bart und seine Geschichte erzählt, ist gän­se­hau­ter­re­gend schön. Seine Offen­ba­rung eröff­net den Schluss­ak­kord für das dra­ma­ti­sche Ende.

Es ist stets ein Wag­nis Wag­ners Werke, nicht nur weit ent­fernt bay­reuth­scher Wirk­stät­ten, zu insze­nie­ren. Die einen Zuschauer sind hin­ge­ris­sen, die ande­ren nicht. Man­che Kli­en­tel wird auch an der Kie­ler Insze­nie­rung was aus­zu­set­zen haben. So die Schluss­szene – der ver­schwun­dene Gott­fried von Bra­bant erscheint einer Licht­ge­stalt gleich jenen unver­hofft, die zuvor bestürzt den Abgang ihres Beschüt­zers Lohen­g­rins erleb­ten. Die Regie hat hier „Lohen­grin“ inter­es­sant inter­pre­tiert. Manch strik­tem Wag­ne­ria­ner wird dies sicher nicht mun­den. Letzt­end­lich sind Abwei­chun­gen eine Frage von Mut, Geschmäckle und Kunst. Schöne Inszenierung.

Über den Autor

Britta Mißbach Britta Mißbach

Mag Musik, ist viel­sei­tig inter­es­siert, schätzt Humor und Fair Play und wird als eine der letz­ten Opti­mis­tin­nen bezeich­net. Möchte gerne mal die Pan­ame­ri­cana ent­lang­fah­ren. Ihr Motto: Es gibt mehr als man denkt und weni­ger als man glaubt.

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