// Kino

Dienstag, 13. März 2018

Der junge Inspector Morse

Mord in Oxford der Swingin´Sixties

Das DVD-Cover (Bild: Edel:motion)
Das DVD-Cover (Bild: Edel:motion)

Die TV‐​Sendung „Inspec­tor Morse“, ein Krimi mit einem mit­tel­al­ten, gran­teln­den Poli­zei­in­spek­tor in Oxford, war in den 1990er‐​Jahren ein Stra­ßen­fe­ger in Groß­bri­tan­nien. Nun erzählt ITV mit der Serie „Der junge Inspec­tor Morse“ seine Vor­ge­schichte als jun­ger, zor­ni­ger Mann in den 1960ern.

Im bri­ti­schen TV war der intel­lek­tu­elle John Thaw als titel­ge­ben­der „Inspec­tor Morse“ von 1987 bis 2000 ein popu­lä­res Pro­gramm, sein Assis­tent auf den Stra­ßen von Oxford war der nicht ganz so gebil­dete DC Rob­bie Lewis. Gemein­sam lös­ten sie über 12 Staf­feln (33 Fol­gen) Fälle im Umfeld der ehr­wür­di­gen Uni­ver­si­tä­ten, die das Publi­kum begeis­ter­ten. Als „Inspec­tor Lewis“ kehrte Kevin Wha­ley 2006 wie­der an die alte Wir­kungs­stätte zurück. Erneut stellte ITV ihm einen eher intel­lek­tu­el­len Kol­le­gen an die Seite, und so gin­gen DI Lewis und der ehe­ma­lige Pries­ter­an­wär­ter DCI Hat­ha­way (Lau­rence Fox) bis 2015 gemein­sam auf Ver­bre­cher­jagd. Par­al­lel dazu arbei­tete der Sen­der auch die Ver­gan­gen­heit von Morse auf: Als „Endea­vour“ bzw. „Der junge Inspec­tor Morse“ spielt Shaun Evers seit 2012 bereits in vier Staf­feln einen jun­gen Poli­zis­ten in den 1960ern in Oxford. Und das sehr erfolg­reich, denn die Pilot­folge sahen nicht weni­ger als acht Mil­lio­nen Zuschauer.

Morse und Thurs­day (Bild: ITV /​Edel:Motion)
Dabei beginnt die Serie mit einem Ende: Der junge Detec­tive Con­s­ta­ble ist nach zwei Jah­ren bei der Poli­zei in Carshall‐​Newton so frus­trtiert von sei­nem Job, dass er sein Kün­di­gungs­schrei­ben auf­setzt. Doch bevor er es abge­ben kann, benö­tigt eine andere Poli­zei­sta­tion Hilfe bei der Auf­klä­rung eines Ver­miss­ten­falls um eine 15‐​Jährige und Morse kommt nach Oxford. Dort hatte er bereits drei Jahre stu­diert, die Uni jedoch ohne Abschluss ver­las­sen, bevor er zum Mili­tär ging und dann zur Polizei.

Man stellt schnell fest, dass Morse ein eigen­bröt­le­ri­scher, zor­ni­ger jun­ger Mann ist, aus­ge­stat­tet mit einem ana­ly­ti­schen Ver­stand und Blick für die ent­schei­den­den Klei­nig­kei­ten. Aller­dings fehlt ihm das Hand­werks­zeug des Poli­zis­ten, doch er hat Glück, dass sein direk­ter Vor­ge­setz­ter Thurs­day (Roger Allam) sein kri­mi­na­lis­ti­sches Poten­tial erkennt und ihn klas­sisch „unter seine Fit­ti­che“ nimmt. Was nicht jedem in der Poli­zei­sta­tion gefällt, da dort klas­si­sche hirar­chi­sche Struk­tu­ren herrschen.

In der Pilot­folge und den vier Fol­gen der ers­ten Staf­fel beglei­tet man Morse durch Oxford, sieht ehr­wür­dige uni­ver­si­täre Gebäude und lie­be­voll aus­ge­stat­tete Sze­ne­rien. Mehr oder weni­ger ver­steckte Hin­weise auf his­to­ri­sche Ereig­nisse und ein sepia­ar­ti­ger Fil­ter tun ihr Übri­ges, um den Zuschauer sofort in das Groß­bri­tan­nien der 1960er zu ziehen.

Die Fälle, die Morse und seine Kol­le­gen bear­bei­ten, zei­gen die kom­plette Band­breite der mensch­li­chen Abgründe. Liebe, Lust, Lei­den­schaft, poli­ti­sche bzw. gesell­schaft­li­che Netz­werke und sogar das orga­ni­sierte Ver­bre­chen sind die The­men, die zu einer oder mehr Mor­den füh­ren, die jedoch ähn­lich wie bei Edgar‐​Wallace‐​Verfilmungen meist im Schat­ten gefilmt wer­den. Gewalt ist hier ein Instru­ment, aber nicht Mit­tel zum Zweck. Poli­zis­ten mit einer Schuss­waffe sind zu die­ser Zeit noch eine Sel­ten­heit. Die Fälle sind durch­weg span­nend und gut insze­niert. Die Auf­lö­sung ist häu­fig über­ra­schend, aber nach­voll­zieh­bar. Wer sich die Folge mit dem Wis­sen, wer der Mör­der ist, noch ein­mal anschaut, kann die Indi­zien fin­den, die Dreh­buch­au­tor Rus­sell Lewis im Plot ver­steckt hat.

Die Aus­stat­tung hin­ter­lässt 60er‐​Feeling (Bild: itv /​Edel:motion).
Der Mann hat Erfah­rung damit, denn er ist nicht nur für den jun­gen Morse ver­ant­wort­lich, son­dern war es auch bereits für „Lewis“, sowie für eine Folge des klas­si­schen „Inspec­tor Morse“. Die Serie ist bei ihm auf jeden Fall in guten Hän­den. Das sah auch der Erfin­der der lite­ra­ri­schen Vor­lage so. Colin Dex­ter, der 2017 ver­starb, machte sich regel­mä­ßig einen Spaß dar­aus, in bes­ter Hitchcock‐​Manier in ein­zel­nen Fol­gen soge­nannte „Cameo‐​Auftritte“ zu absol­vie­ren. Doch damit enden die Anspie­lun­gen auf die Ori­gi­nal­se­rie nicht. Abi­gail Thaw, die Toch­ter des alten „Inspec­tor Morse“-Darstellers John Thaw, erfüllt eine wie­der­keh­rende Neben­rolle als Jour­na­lis­tin mit gro­ßer Klappe. Ins­ge­samt sind die Rol­len in „der junge Inspec­tor Morse“ sehr gut besetzt und spie­geln die Band­breite der bri­ti­schen Gesell­schaft zu die­ser Zeit gut dar. Der zweite Welt­krieg ist noch nicht ver­ges­sen und sorgt bei vie­len Cha­rak­te­ren mitt­le­ren Alters für gele­gent­li­che Aus­brü­che und formte ihren Cha­rak­ter (John Allam als DI Thurs­day). Die junge Leute hin­ge­gen wün­schen sich ein unbe­schwer­tes Leben, tra­gen jedoch eben­falls ihre Dämo­nen der Ver­gan­gen­heit in sich (Jack Las­key als DI Peter Jakes) und man­che Cha­rak­tere müs­sen den Spa­gat zwi­schen dem Auf­klä­ren von Mor­den und den Inter­es­sen der Poli­tik schaf­fen (Anton Les­ser als PCS Regi­nald Bright). Das macht sie nicht immer lie­bens­wert, aber mehr­di­men­sio­nal. Über allem steht jedoch Shaun Evans als Endea­vour Morse, der sich mit sei­nem Nach­na­men anspre­chen lässt und des­sen Lebens­ge­schichte dem Zuschauer nicht gleich in der Pilot­folge ins Gesicht gedrückt wird, son­dern sich erst im Laufe der Fol­gen ent­blät­tert. Die Kri­mi­nal­fälle ste­hen im Vor­der­grund der Geschich­ten, und wie bei einem Puz­zle erfährt man immer wie­der ein klei­nes Stück dar­über, wie Morse zu dem wurde, der er ist – oder noch wer­den wird.

Fans der Ori­gi­nal­se­rie jubel­ten, als der legen­däre Wagen ins Bild kam (Bild: itv /​Edel:motion).

Seine Vor­liebe für Kreuz­wort­rät­sel, guten Scotch und klas­si­sche Musik sind dem Fan der Ori­gi­nal­se­rie bekannt – behut­sam wer­den all diese mar­kan­ten Zei­chen in die neue Serie ein­ge­wo­ben. Sein iko­ni­sches Auto mit­samt dem bekann­ten Kenn­zei­chen steht hier noch bei einem Auto­händ­ler, sein spä­te­rer Vor­ge­setz­ter Strange ist ein auf­ge­weck­ter Strei­fen­po­li­zist, der Gerichts­me­di­zi­ner Max ein jun­ger Mann. Da es sich um ein Pre­quel han­delt, ist es nicht nötig, die alte Serie zu ken­nen, um die Fälle rund um „Der junge Inspec­tor Morse“ zu genie­ßen. Doch wer Spaß daran hat, die „Eas­ter Eggs“ zu ent­de­cken, kann zum Bei­spiel auf der eng­li­schen Wiki­pe­dia­seite nach­le­sen. Die Pilot­folge endet mit Thurs­days Frage, wo Morse sich in zwan­zig Jah­ren sieht. Er blickt in den Rück­spie­gel des Wagens und sieht sein spä­te­res Ich im Spie­gel­bild, wäh­rend die Ori­gi­nal­mu­sik ein­ge­spielt wird.

Der Pilot­film war so erfolg­reich, dass direkt eine erste Staf­fel mit vier Fol­gen bestellt wurde. Da die Quo­ten sich kon­stant bei sie­ben Mil­lio­nen Zuschau­ern ein­ge­pen­delt haben, ging im Februar 2018 bereits Staf­fel fünf auf Sen­dung, die­ses Mal mit sechs statt vier Fol­gen. In Deutsch­land wird „Der junge Inspec­tor Morse“ aktu­ell bei ZDF neo gezeigt.

Wei­tere Informationen

  • Dar­stel­ler: Shaun Evans, Roger Allam, Anton Les­ser
    For­mat: Dolby, PAL
    Spra­che: Deutsch (Dolby Digi­tal 2.0), Eng­lisch (Dolby Digi­tal 2.0)
    Unter­ti­tel: Deutsch
    Region: Region 2
    Bild­sei­ten­for­mat: 16:9 – 1.77:1
    Anzahl Disks: 3
    FSK: Frei­ge­ge­ben ab 12 Jah­ren
    Stu­dio: Edel Ger­many GmbH
    Erschei­nungs­ter­min: 2. Okto­ber 2017
    Pro­duk­ti­ons­jahr: 2013
    Spiel­dauer: 450 Minuten

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Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt, die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon. Inter­es­sen: Poli­tik, Medien, Bür­ger­rechte, Filme, Kochen und alles rund um Kiel.

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