Dienstag, 27. Dezember 2011
Dienstagskolumne
Manchmal erkenne ich in den Fugen meiner Badezimmerfliesen die Erdkrümmung. Manchmal kommt es mir vor, als ob sich mein Badezimmer um den halben Globus wickelt. Meistens genügt es sich den Schlaf aus den Augen zu wischen. Oder meinem Kreislauf Bewegung zu verschaffen. Gelegentlich bemerke ich auch meinen unglücklichen Blickwinkel durch die Brillengläser. Manchmal aber finde ich keine Erklärung. Lange sitze ich dann mit runter gelassener Hose und genieße. Genieße diese Unheimlichkeit – heimlich – diese Spannung zwischen der Unerklärbarkeit und meinem Erklärungszwang. Die besten Tage sind das. Ich als Alltagsforscher, als ein Kloschüssel‐Philosoph. Trivial leuchtend.
Aber was mache ich mit diesem Unfug? Wem erzähle ich von diesem zeitweisen Unglauben an Realität? Wer würde mich ernst und meine Worte beim Wort nehmen? Dabei geht es mir nicht um Wahr oder Unwahr, vielmehr um den einen kleinen Moment, wo Möglichkeit in Unmöglichkeit und Unmöglichkeit in Möglichkeit sich kreuzverkehrt. „Ich glaube nicht dran, wäre aber schön wenn doch.“ Wie eine beliebige Märchengeschichte. Ein überaus bekannter Mann älteren Alters, der wie immer zu dieser Jahreszeit mit seinem roten Mantel aus Schlitten, Himmel oder Schornstein fällt. Für das liebe Kind wird dieser weißbärtige Mann Realität, für das ungezogene Kind bleibt er unsichtbar. Und der aufgeklärte Hörer dieser Geschichte fiebert mit dem lieben Kind und ist in Wahrheit kein deut besser als das Ungezogene. Darin liegt keine Wertung. Es ist nur genau dieser kurze Zeitpunkt in dem wir allem Glaubhaftem entsagen und dem Glauben schenken wollen, von dem wir wissen, oder meinen zu wissen, dass keine Wahrheit der Welt hier von Wert ist.
Vielleicht ist es besser darüber zu schweigen. Sich keiner Peinlichkeit auszusetzen und an Ernst zu verlieren. Vielleicht also still genießen, eben heimlich auf die Erdkrümmung in Mitten meines Badezimmers starren und hoffen diesen Moment ohne Schaden zu überstehen. Vielleicht. Kein Wort zu Niemanden. Aber heißt das nicht mindesten ein Wort zu Jemanden? Diese doppelten Verneinungen sind immer ein schweres Geschäft.