// Konzertreview

Montag, 07. November 2011

Gar nicht still

Jupiter Jones rocken Kiel

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Er war in Kiel und nicht in Bre­men – zwei Mal muss sich Jupi­ter Jones‐​Sänger Nico­las beim Kie­ler Publi­kum ent­schul­di­gen, dass am 27. Okto­ber zahl­reich im MAX erschie­nen war, um gemein­sam mit ihnen den neuen Sta­tus als „Berufs­mu­si­ker“ zu fei­ern. Doch die rund tau­send Besu­cher nah­men ihm diese Orts­ver­wechs­lung nicht krumm und erleb­ten ein hoch­klas­si­ges Kon­zert mit Songs quer durch die Bandgeschichte.

Jung und mit einem hohen Frau­en­an­teil – so konnte man den Groß­teil des Publi­kums bezeich­nen. Hier und da befan­den sich auch ein paar „Pogo-tanzen-wollende“-Fans der ers­ten Stunde, doch das wurde schnell abge­blockt. Die ers­ten Rei­hen vor der Bühne waren in der Hand von stress­arm mit­tan­zen­dem Publi­kum Mitte zwanzig.

Die Vor­band „My glo­rious“, extra aus Wien ein­ge­flo­gen, erin­ner­ten die meiste Zeit an eine Mischung aus „Pla­cebo“ und „Joy Divi­sion“. Die Qua­li­tät des Gesangs war nicht hoch, der Ein­satz und die Spiel­freude der Instru­men­ten­be­die­ner dafür um so höher. Die Musik­rich­tun­gen wech­sel­ten und so man­ches Mal klangt die Band wie die kleine Schwes­ter von „Rage against the machine“. Beein­druckt bleibt man von der groß­ar­ti­gen Trom­mel­per­for­mance, bei der alle drei Band­mit­glie­der ihre letz­ten Kraft­re­ser­ven in die Drum­sticks über­tru­gen – und natür­lich in den hier oben so unge­wohn­ten char­man­ten „Wie­ner Schmäh“, mit dem der Sän­ger das Publi­kum unter­hielt. Dass die Texte auch durch­aus ernste Hin­ter­gründe haben, wie zum Bei­spiel das Thema „Kin­des­miß­hand­lung“, erfuhr man jedoch nur durch die Anmo­de­ra­tion. „My Glo­rius“ sind eine Gara­gen­band im bes­ten Wort­sinne und waren eine gute Ein­stim­mung auf den Haupt­act „Jupi­ter Jones“.

Sän­ger Nico­las Mül­ler und seine Man­nen betra­ten um kurz vor 21 Uhr gut­ge­launt die Bühne und er erzählte, dass er am Nach­mit­tag bei „Radio Delta“ (sic!) flei­ßig die Ver­kehrs­nach­rich­ten vor­ge­le­sen habe. Even­tu­ell durch ihn ver­ur­sachte Unfälle bat er zu ent­schul­di­gen und machte deut­lich, wie sehr die Band sich nach drei Tagen Tour­pause auf das Kon­zert in Kiel freue. Gewohnt rockig ging es auch los, die Besu­cher wur­den ange­heizt durch Auf­rufe wie „Kiel, Du gei­les Pferd!“. Auf der Bühne wur­den vom Stand weg 100 Pro­zent gege­ben und viele Besu­cher im Publi­kum waren text­si­cher, sowohl bei Stü­cken als dem aktu­el­len „Jupi­ter Jones“, wel­ches sich bereits seit März 2011 in den Top100 der deut­schen Album­charts befin­det, als auch bei Titeln aus den drei Vorgängeralben.

Guter Mix aus neuen Stü­cken und „Klassikern“

Auch bei den Anmo­de­ra­tio­nen wird deut­lich, wel­che Stü­cke der Band sehr am Her­zen lie­gen. Da ist der „Mehr­tei­ler“ von Jupp, des­sen letzte acht Minu­ten vor dem Selbst­mord mit­er­lebt wer­den, aber auch posi­tive Sei­ten des Lebens fin­den ihren Platz, denn „Sonne? Scheint!“, wenn alle Men­schen an einem Strang zie­hen. Die bei­den Sin­gle­hits erhiel­ten spe­zi­elle Anmo­de­ra­tio­nen: Bevor die Band „Immer für Immer“ spielte, schaff­ten sie es, das Publi­kum zum mit­sin­gen des Opus‐​Klassikers „Life is live“ zu ani­mie­ren. Ins­ge­samt wurde viel mit dem Publi­kumschor gear­bei­tet, und die Kie­ler lies­sen die Band dabei nicht im Stich.

Per­sön­li­cher wurd es, als der Titel „Still“ ange­kün­digt ist. Er ist der große Erfolg der Band, seit März aus der Rota­tion der Radio­sta­tio­nen Deutsch­lands nicht mehr weg­zu­den­ken. Nico­las bedankte sich im Namen der Band bei die­sem Titel, dass er ihnen den Sta­tus des „Berufs­mu­si­kers“ ermög­licht habe – ein Kind­heits­traum, der sich erfüllt hat. Doch die Situa­tion wurde schnell durch einen Witz auf­ge­fan­gen, denn Berufs­mu­si­ker war für ihn selbst nur Wunsch Nr. 2, nach­dem er fest­stel­len musste, dass für den Beruf des Feu­er­wehr­man­nes „kör­per­li­che Fit­ness“ vor­aus­ge­setzt wird. Gut gelaunt wird der Erfolgs­ti­tel gespielt und man bekam den Ein­druck, dass nun auch der letzte Besu­cher im Saal, ob Hardcore‐​Fan oder mit­ge­brach­tes Eltern­teil, in den Chor miteinstimmte.

Jupi­ter Jones“ sind eine Live­band, deren Qua­li­tä­ten erst auf einer Bühne voll zur Gel­tung kom­men. Beim Titel „Ber­lin“ wurde eine Melo­dica zum Ein­satz gebracht, ein etwas ande­res Tas­ten­in­stru­ment. Im Titel selbst geht es darum, dass spitze Schuhe, der Miet­ver­trag und ein „Künstlerschal„nicht rei­chen, um in Ber­lin erfolg­reich zu sein. Ähn­lich wie bei Kraft­klubs „Ich will nicht nach Ber­lin“. Der Schlag­zeu­ger Marco „Hont“ Hon­t­heim zeigte dabei soviel Spiel­freude, dass man sich an die Figur „Ani­mal“ aus der Mup­pet Show erin­nert fühlte. Diese Begeis­te­rung und den vol­len Kör­per­ein­satz legte er auch bis zum Ende des Kon­zerts nicht ab. Das Publi­kum dankte der Band ihren vol­len Kör­per­ein­satz an den Instru­men­ten mit fre­ne­ti­schem Applaus und ver­langte Zuga­ben, die ihnen erfüllt wer­den. „Eine Land­ju­gend“ hieß es daher zum Ende bei den vier Jungs aus der Eifel, und das Publi­kum aus Kiel und dem Umland wuß­ten wohl nur zu gut, was damit gemeint ist. Mit einem letz­ten Chor gaben sie „Jupi­ter Jones“ auf der Bühne ein posi­ti­ves Feed­back und gleich­zei­tig die Abso­lu­tion dafür, zwei Mal als Stadt mit Bre­men ver­wech­selt wor­den zu sein. Die­sen so gar nicht model­ar­ti­gen, boden­stän­di­gen Jungs aus Rheinland‐​Pfalz mit dem unver­wech­sel­ba­ren Sound, der Reib­ei­sen­stimme von Nico­las Mül­ler und den loh­nens­wer­ten Tex­ten kann man ein­fach nicht lange böse sein.

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Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon.

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