Montag, 07. November 2011
Gar nicht still
Jung und mit einem hohen Frauenanteil – so konnte man den Großteil des Publikums bezeichnen. Hier und da befanden sich auch ein paar „Pogo-tanzen-wollende“-Fans der ersten Stunde, doch das wurde schnell abgeblockt. Die ersten Reihen vor der Bühne waren in der Hand von stressarm mittanzendem Publikum Mitte zwanzig.
Die Vorband „My glorious“, extra aus Wien eingeflogen, erinnerten die meiste Zeit an eine Mischung aus „Placebo“ und „Joy Division“. Die Qualität des Gesangs war nicht hoch, der Einsatz und die Spielfreude der Instrumentenbediener dafür um so höher. Die Musikrichtungen wechselten und so manches Mal klangt die Band wie die kleine Schwester von „Rage against the machine“. Beeindruckt bleibt man von der großartigen Trommelperformance, bei der alle drei Bandmitglieder ihre letzten Kraftreserven in die Drumsticks übertrugen – und natürlich in den hier oben so ungewohnten charmanten „Wiener Schmäh“, mit dem der Sänger das Publikum unterhielt. Dass die Texte auch durchaus ernste Hintergründe haben, wie zum Beispiel das Thema „Kindesmißhandlung“, erfuhr man jedoch nur durch die Anmoderation. „My Glorius“ sind eine Garagenband im besten Wortsinne und waren eine gute Einstimmung auf den Hauptact „Jupiter Jones“.
Sänger Nicolas Müller und seine Mannen betraten um kurz vor 21 Uhr gutgelaunt die Bühne und er erzählte, dass er am Nachmittag bei „Radio Delta“ (sic!) fleißig die Verkehrsnachrichten vorgelesen habe. Eventuell durch ihn verursachte Unfälle bat er zu entschuldigen und machte deutlich, wie sehr die Band sich nach drei Tagen Tourpause auf das Konzert in Kiel freue. Gewohnt rockig ging es auch los, die Besucher wurden angeheizt durch Aufrufe wie „Kiel, Du geiles Pferd!“. Auf der Bühne wurden vom Stand weg 100 Prozent gegeben und viele Besucher im Publikum waren textsicher, sowohl bei Stücken als dem aktuellen „Jupiter Jones“, welches sich bereits seit März 2011 in den Top100 der deutschen Albumcharts befindet, als auch bei Titeln aus den drei Vorgängeralben.
Auch bei den Anmoderationen wird deutlich, welche Stücke der Band sehr am Herzen liegen. Da ist der „Mehrteiler“ von Jupp, dessen letzte acht Minuten vor dem Selbstmord miterlebt werden, aber auch positive Seiten des Lebens finden ihren Platz, denn „Sonne? Scheint!“, wenn alle Menschen an einem Strang ziehen. Die beiden Singlehits erhielten spezielle Anmoderationen: Bevor die Band „Immer für Immer“ spielte, schafften sie es, das Publikum zum mitsingen des Opus‐Klassikers „Life is live“ zu animieren. Insgesamt wurde viel mit dem Publikumschor gearbeitet, und die Kieler liessen die Band dabei nicht im Stich.
Persönlicher wurd es, als der Titel „Still“ angekündigt ist. Er ist der große Erfolg der Band, seit März aus der Rotation der Radiostationen Deutschlands nicht mehr wegzudenken. Nicolas bedankte sich im Namen der Band bei diesem Titel, dass er ihnen den Status des „Berufsmusikers“ ermöglicht habe – ein Kindheitstraum, der sich erfüllt hat. Doch die Situation wurde schnell durch einen Witz aufgefangen, denn Berufsmusiker war für ihn selbst nur Wunsch Nr. 2, nachdem er feststellen musste, dass für den Beruf des Feuerwehrmannes „körperliche Fitness“ vorausgesetzt wird. Gut gelaunt wird der Erfolgstitel gespielt und man bekam den Eindruck, dass nun auch der letzte Besucher im Saal, ob Hardcore‐Fan oder mitgebrachtes Elternteil, in den Chor miteinstimmte.
„Jupiter Jones“ sind eine Liveband, deren Qualitäten erst auf einer Bühne voll zur Geltung kommen. Beim Titel „Berlin“ wurde eine Melodica zum Einsatz gebracht, ein etwas anderes Tasteninstrument. Im Titel selbst geht es darum, dass spitze Schuhe, der Mietvertrag und ein „Künstlerschal„nicht reichen, um in Berlin erfolgreich zu sein. Ähnlich wie bei Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“. Der Schlagzeuger Marco „Hont“ Hontheim zeigte dabei soviel Spielfreude, dass man sich an die Figur „Animal“ aus der Muppet Show erinnert fühlte. Diese Begeisterung und den vollen Körpereinsatz legte er auch bis zum Ende des Konzerts nicht ab. Das Publikum dankte der Band ihren vollen Körpereinsatz an den Instrumenten mit frenetischem Applaus und verlangte Zugaben, die ihnen erfüllt werden. „Eine Landjugend“ hieß es daher zum Ende bei den vier Jungs aus der Eifel, und das Publikum aus Kiel und dem Umland wußten wohl nur zu gut, was damit gemeint ist. Mit einem letzten Chor gaben sie „Jupiter Jones“ auf der Bühne ein positives Feedback und gleichzeitig die Absolution dafür, zwei Mal als Stadt mit Bremen verwechselt worden zu sein. Diesen so gar nicht modelartigen, bodenständigen Jungs aus Rheinland‐Pfalz mit dem unverwechselbaren Sound, der Reibeisenstimme von Nicolas Müller und den lohnenswerten Texten kann man einfach nicht lange böse sein.
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