Dienstag, 24. Januar 2012
Dienstagskolumne
Transparenz – wir streben ihr entgegen. Alles schön durchsichtig und klar einsehbar. Doch was, wenn ich es beim Wort nehme und der rätselhafte Mensch würde sich nicht hinter Kleidung und Haut verstecken. Sondern für jeden Blick durchlässig, sich den anderen Menschen stellen. Wirklich, nur einmal angenommen. Kein Haar trüge das Auge, keine Unreinheit das Verlangen mit Sicherheit die gesamte Persönlichkeit zu durchblicken. Im Vorbeigehen die gesamte Krankheitsgeschichte. Alte Brüche und Organbeschneidungen schimmerten wie durch Butterbrotpapier. Die Raucherlunge als Pegelstand des aktuellen Zigarettenkonsums. Und unter den samtig weichen Lippen würde das Gebiss in all seinen Fühlungen und Prothesen erstrahlen. Der Intelligenzquotient als das hoch oder nieder frequentierte Aufblitzen von Impulsen. Und die vollends entschlüsselte DNA als Blaupause auf der Fingerkuppe. Guter Mensch. Schlechter Mensch. Läge eindeutig vor uns, direkt unter Klarsichtfolie. Für nichts bräuchten wir uns schämen, da nichts existierte es zu verbergen.
Und heute würde der Rotkohl herzlich rot in meiner Magen‐Darm‐Gegend leuchten. Den Umständen entsprechend bin ich ganz gut gelaunt und zeige es mit dem was ich essen. Feierlich würde die Mahlzeit im gesetzten Grau schimmern oder brächte uns im quietschigen Bunt in Ausgehstimmung. Unsere Individualität, unsere Gemütsstimmung ausgedrückt durch die zuletzt eingenommene Mahlzeit. Verschiedenste Farbkombinationen entwickelt, um für uns zu sprechen. Schön würden sie uns schmücken.
Und dann Kondensstreifen hinter uns. Jedem Menschen würden sie nachfolgen und verraten wo wir waren. Lange hätten sie bestand und nicht länger müssten wir verängstigt über unsere Schulter uns verfolgt fühlen. Denn alles wäre bereits bekannt. Keine Geheimnisse zu lüften, keine Angst mehr, entlarvt zu werden. Und vor uns, unser wahrscheinlich geplanter Weg. Eine dünne ungebrochene Linie. Ginge voran und wir mit hoher Wahrscheinlichkeit hinterher. Der rote Faden, so lang wie das Leben, wickelte sich unzählig um unsere alltäglichen Wege. Runde um Runde; Tag aus, Tag ein. Unwesentlich dabei, ob der Faden uns schicksalhaft voraus scheint oder wir ihm blind hinterher eifern. Ein Abweichen hätte lediglich eine sofortige Neuausrichtung zur Folge. Was wir auch tun würden, er wäre da. Immer vor uns. Aus der Brust geschossen, müsste er doch schlussendlich unser eigener Wille sein. So ergäbe sich irgendwann auch der Widerspenstigste.
Und wir säßen auf einer Glaskugel. Unter uns ganze Kontinente sichtbar. Auf entgegengesetzte Schuhsohlen starrend, wenn wir durch die Tiefe dieser unmöglichen Welt blickten. Nur keine Höhenangst. Denn alles wäre hoch, alles wäre tief. Und das Gefühl einer ständigen Überflutung. Absolutes Wissen, ganz und gar ungefiltert. Erschlüge uns mit seiner Macht. Die unerschöpfliche Quelle der Information explodierte zu einem Rausch und Wahnsinn. Nichts wäre auszuschließen, alles bereits mitgedacht und eine Entscheidung mit all dem Wissen, in all ihrer nicht zu ignorierenden Klarheit, nicht mehr zu treffen. So müssten wir unsere Augen schließen, ungeheuerlich überfordert. Und starrten dann, als letztmögliche Erkenntnis, erschrocken durch transparente Augenlider.