// Kolumne

Dienstag, 24. Januar 2012

Dienstagskolumne

Glasbauweise

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Was wäre wenn‘ ist in der Kolumne die­ser Woche die trei­bende Kraft und ermög­licht das Unmög­li­che anzu­neh­men. Denn dies­mal treibe ich es auf die Spitze. Gebe dem Ver­lan­gen nach trans­pa­ren­ten Ver­hält­nis­sen freie Hand und schaue was pas­siert mit einem der Schlag­wör­ter der letz­ten Wochen und Monate.

Trans­pa­renz – wir stre­ben ihr ent­ge­gen. Alles schön durch­sich­tig und klar ein­seh­bar. Doch was, wenn ich es beim Wort nehme und der rät­sel­hafte Mensch würde sich nicht hin­ter Klei­dung und Haut ver­ste­cken. Son­dern für jeden Blick durch­läs­sig, sich den ande­ren Men­schen stel­len. Wirk­lich, nur ein­mal ange­nom­men. Kein Haar trüge das Auge, keine Unrein­heit das Ver­lan­gen mit Sicher­heit die gesamte Per­sön­lich­keit zu durch­bli­cken. Im Vor­bei­ge­hen die gesamte Krank­heits­ge­schichte. Alte Brü­che und Organ­be­schnei­dun­gen schim­mer­ten wie durch But­ter­brot­pa­pier. Die Rau­cher­lunge als Pegel­stand des aktu­el­len Ziga­ret­ten­kon­sums. Und unter den sam­tig wei­chen Lip­pen würde das Gebiss in all sei­nen Füh­lun­gen und Pro­the­sen erstrah­len. Der Intel­li­genz­quo­ti­ent als das hoch oder nie­der fre­quen­tierte Auf­blit­zen von Impul­sen. Und die voll­ends ent­schlüs­selte DNA als Blau­pause auf der Fin­ger­kuppe. Guter Mensch. Schlech­ter Mensch. Läge ein­deu­tig vor uns, direkt unter Klar­sicht­fo­lie. Für nichts bräuch­ten wir uns schä­men, da nichts exis­tierte es zu verbergen.

Und heute würde der Rot­kohl herz­lich rot in mei­ner Magen‐​Darm‐​Gegend leuch­ten. Den Umstän­den ent­spre­chend bin ich ganz gut gelaunt und zeige es mit dem was ich essen. Fei­er­lich würde die Mahl­zeit im gesetz­ten Grau schim­mern oder brächte uns im quiet­schi­gen Bunt in Aus­geh­stim­mung. Unsere Indi­vi­dua­li­tät, unsere Gemüts­stim­mung aus­ge­drückt durch die zuletzt ein­ge­nom­mene Mahl­zeit. Ver­schie­denste Farb­kom­bi­na­tio­nen ent­wi­ckelt, um für uns zu spre­chen. Schön wür­den sie uns schmücken.

Und dann Kon­dens­strei­fen hin­ter uns. Jedem Men­schen wür­den sie nach­fol­gen und ver­ra­ten wo wir waren. Lange hät­ten sie bestand und nicht län­ger müss­ten wir ver­ängs­tigt über unsere Schul­ter uns ver­folgt füh­len. Denn alles wäre bereits bekannt. Keine Geheim­nisse zu lüf­ten, keine Angst mehr, ent­larvt zu wer­den. Und vor uns, unser wahr­schein­lich geplan­ter Weg. Eine dünne unge­bro­chene Linie. Ginge voran und wir mit hoher Wahr­schein­lich­keit hin­ter­her. Der rote Faden, so lang wie das Leben, wickelte sich unzäh­lig um unsere all­täg­li­chen Wege. Runde um Runde; Tag aus, Tag ein. Unwe­sent­lich dabei, ob der Faden uns schick­sal­haft vor­aus scheint oder wir ihm blind hin­ter­her eifern. Ein Abwei­chen hätte ledig­lich eine sofor­tige Neu­aus­rich­tung zur Folge. Was wir auch tun wür­den, er wäre da. Immer vor uns. Aus der Brust geschos­sen, müsste er doch schluss­end­lich unser eige­ner Wille sein. So ergäbe sich irgend­wann auch der Widerspenstigste.

Und wir säßen auf einer Glas­ku­gel. Unter uns ganze Kon­ti­nente sicht­bar. Auf ent­ge­gen­ge­setzte Schuh­soh­len star­rend, wenn wir durch die Tiefe die­ser unmög­li­chen Welt blick­ten. Nur keine Höhen­angst. Denn alles wäre hoch, alles wäre tief. Und das Gefühl einer stän­di­gen Über­flu­tung. Abso­lu­tes Wis­sen, ganz und gar unge­fil­tert. Erschlüge uns mit sei­ner Macht. Die uner­schöpf­li­che Quelle der Infor­ma­tion explo­dierte zu einem Rausch und Wahn­sinn. Nichts wäre aus­zu­schlie­ßen, alles bereits mit­ge­dacht und eine Ent­schei­dung mit all dem Wis­sen, in all ihrer nicht zu igno­rie­ren­den Klar­heit, nicht mehr zu tref­fen. So müss­ten wir unsere Augen schlie­ßen, unge­heu­er­lich über­for­dert. Und starr­ten dann, als letzt­mög­li­che Erkennt­nis, erschro­cken durch trans­pa­rente Augenlider.

Über den Autor

Daniel Gerber Daniel Gerber

Irgendwo zwi­schen abge­schlos­se­nem Lite­ra­tur­wis­sen­schafts­stu­dium und ‚schauen wir mal’

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