Montag, 06. Februar 2012
Smalltown Kiel
Fördeflüsterer: Was die Menschen natürlich interessiert: Wer ist der Mann hinter der Kamera und wie bist Du auf die Idee gekommen, einen Film über Kiel im „Tilt Shift‐Effekt“ zu machen?
René Raab: Aufgewachsen ist meinereiner im idyllischen Plön und alt bin ich 29 Jahre. Mit dem Start meiner Ausbildung zog ich nach Kiel, lernte zu Ende, arbeitete etwas und begann Multimedia Production an der FH Kiel zu studieren. Der Film Smalltown Kiel wurde als freies Projekt in meinem Studium realisiert und stellt eines von 2 Abschlussprojekten dar. Als letztes und nächstes im Studium steht nun nur noch die Bachelor‐Thesis an.
Der Tilt‐Shift‐Effekt ist an sich nichts neues und ich selbst hab auch schon vor ein paar Jahren mein erstes Tilt‐Shift‐Bild gemacht. Die Idee, das Ganze auch mal als Film zu machen, hatten 2 Kommilitonen von mir zur letzten Kieler Woche. Unser Studiengang macht jedes Jahr für die Stadt Kiel eine Online‐Redaktion zur Kieler Woche, welche in Video‐Beiträgen über die Woche berichtet. Im Rahmen dessen setzten wir die Idee in ein paar Tagen um und machten den Film „A little town festival“. Ein paar Aufnahmen daraus haben es auch in den Film „Smalltown Kiel“ geschafft. Schon damals hatte ich den Gedanken, das vielleicht in einen Film über ganz Kiel auszuweiten, was letztendlich im Oktober 2011 zum freien Projekt wurde.
Fördeflüsterer: In den meisten Filmen über Kiel ist zu 90% Wasser zu sehen, Du zeigst auch andere Seiten der Stadt. War das eine bewußte Entscheidung und wie ist eigentlich Dein persönliches Verhältnis zu Kiel?
René Raab: Wasser ist ein sehr wichtiges Element in Kiel, die Stadt wird geradezu von ihm dominiert. Daher kann ich vollkommen verstehen, warum es in den meisten Filmen so eine wichtige Rolle spielt. Auch bei mir kommt es natürlich reichlich vor, mein Ziel war es jedoch, die Stadt möglichst ganz zu zeigen und da gehört dann eben mehr dazu. Im Vorfeld hatte ich mir genau überlegt, was die Stadt auszeichnet – was sind Alleinstellungsmerkmale oder Eigenheiten. Dabei sollten aber auch nicht die Alltäglichkeiten und das ganz normale Leben zu kurz kommen. Ziel war es, symbolhaft einen ganzen Tag im Leben der Stadt zu zeigen. Idealerweise sogar ein ganzes Jahr, aber wie man gesehen hat, ist kein Verlass auf die Jahreszeiten und solange wollte ich mir dann auch nicht Zeit lassen. Bestenfalls sollte der Film dem Zuschauer Neues oder Altbekanntes im neuen Gewand zeigen, Bewohnern der Stadt den Trist der Alltäglichkeit nehmen und Nicht‐Kielern die Stadt von ihrer besten Seite präsentieren. Ich hoffe, das ist mir gelungen, wenn ich auch nicht alles zeigen konnte, was ich wollte oder was Kiel zu bieten hat.
Mein Verhältnis zu Kiel ist gut, ich denke ich kann uns als gute Bekannte bezeichnen. Nicht weit entfernt aufgewachsen, habe ich schon früh Kontakt gesucht und gefunden. So richtig kennengelernt habe ich sie aber doch erst in den letzten Jahren. Für mich passt das Verhältnis von groß aber auch nicht zu groß, die Nähe zum Wasser und der etwas schroffe Charme. Mag sein, dass Kiel nicht die schönste Stadt ist, aber es lebt sich ziemlich angenehm in ihr.
Fördeflüsterer: Diesee „Tilt-Shift“-Effekt wird ja inzwischen viel im TV benutzt, bei den Zwischenfilmchen vom ESC 2011 oder bei BBCs „Sherlock“ und ist ja in unterschiedlicher Qualität in vielen Kompaktkameras zu finden. In der Videounterschrift steht, Du hättest den Effekt erst nachträglich eingebaut. Was ist der Grund bzw. wo liegt der Unterschied?
René Raab: Einen Unterschied gibt es eigentlich nicht, aber wie so oft ist das ein großes „eigentlich“. Meine DSLR, mit der ich die Aufnahmen gemacht habe, hat ebenfalls eine solche Funktion und das war auch sehr nützlich, um zwischendurch zu prüfen, ob das Bild funktioniert. Das funktioniert aber nur beim Einzelbild. Mache ich Videoaufnahmen oder sehr viele Serienbilder, scheitert das Ganze. Eine andere Möglichkeit ist der Einsatz der namensgebenden Tilt‐Shift‐Objektive. Diese würden bei manchen Bildern sogar einen besseren Effekt erzeugen, der nur mit viel Aufwand zu erstellen ist, sind dafür aber auch teuer und sehr einschränkend. Der große Vorteil der komplett eigenständigen Nachbearbeitung ist die Freiheit in der Gestaltung. Man kann nachträglich festlegen, wo man die Schärfe haben will und muss sich auch nicht irgendwelchen Vorgaben beugen. Man kann die Bilder gestalten, wie sie im Kontext gebraucht werden, ohne sich im Vorfeld zu stark festlegen zu müssen. So sind zwar alle Bilder mit gleichen Effekten und ähnlichen Einstellungen bearbeitet worden, aber jedes einzelne wurde ganz individuell angepasst.
Fördeflüsterer: Wieviel Zeit, Liebe und Arbeit steckt in solch einem Film? Hast Du da mal ein paar Zahlen für uns, z.B. Menge an Bildmaterial, Kollegen, Stunden beim Aufnehmen und Schneiden?
René Raab: Viel von allem. Bis auf die Aufnahmen von der Kieler Woche hab ich alles allein gemacht. An Rohmaterial hat sich knapp 300GB angesammelt, was sich vornehmlich durch lange Videoaufnahmen erklärt. Alle Aufnahmen sind für den finalen Film beschleunigt, um den Spielzeugeffekt zu verstärken und das um einen Faktor von 1000 – 8000%. So werden aus 5 Minuten Originalaufnahme schnell 10 Sekunden, wovon letzendlich 5 Sekunden im Film zusehen sind. Man braucht für 5:30 Minuten also reichlich Aufnahmen. Insgesamt gibt es an Rohmaterial 14 Stunden reine Videoaufnahmen, dazu kommen noch rund 5000 Bilder, nur für die Nachtaufnahmen. Wieviele Stunden ich tatsächlich draußen in der Kälte zugebracht habe, kann ich gar nicht sagen. Es waren aber viele Tage und einige Nächte, über mehrere Monate hinweg und an jedem Drehort stand ich jeweils einige Stunden. Ist vielleicht ganz gut, wenn man es nicht genau durchrechnet. Schnitt und Nachbearbeitung dauerte etwa eine Woche. Wobei davon das Bearbeitungsprogramm zum Erstellen des finalen Films allein 22 Stunden durchgehend rechnete.
Fördeflüsterer: Wie gehst Du mit dem „neuen Ruhm“ um bzw. war davon überhaupt etwas zu merken? Haben Menschen Dich aufgrund Deines Namens über dem Video erkannt?
René Raab: Ruhm find ich ein wenig hochgegriffen, vielleicht eher erhöhte Aufmerksamkeit. Meine Kommilitonen waren ja eigentlich die ersten, die es geteilt haben und sind somit maßgeblich an der Verbreitung beteiligt. Aufgrund der örtlichen Verbundenheit dachte ich schon, dass es sich ein paar Leute angucken, aber mit dieser Aufmerksamkeit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wirklich erkannt durchs Video hat mich eher keiner, außer vielleicht mein Friseur, der meinte: „Ach das warst du!“. Was mich aber sehr erstaunt und begeistert hat: Nach einiger Zeit musste ich die Leute nicht mehr drauf hinweisen, dass ich ein Video gemacht hab. Sie kamen auf mich zu und erzählten mir, über wieviel Ecken es ihnen zugesandt wurde. Das und das größtenteils positive Feedback hat mich schon sehr begeistert. Man hat viel Arbeit und Zeit in ein Projekt gesteckt und wenn es am Ende den Leuten wirklich gefällt, sie einem erzählen, dass sie plötzlich wieder Heimweh haben, dann weiß man, wofür man es gemacht hat. Insbesondere zum Ende, wenn man jedes Bild zig mal gesehen hat, nur noch Fehler sieht und sowieso nicht mehr dran glaubt, dass was Gutes rauskommt – wenn einen dann plötzlich die Welle der Begeisterung überrollt, dann fühlt sich das verdammt gut an.
Fördeflüsterer: Wie zufrieden bist Du selbst mit dem Ergebnis?
René Raab: Insgesamt bin ich zufrieden mit dem Endergebnis. Natürlich ist es nicht perfekt und die meiste Kritik, die ich erhielt, kann ich auch nachvollziehen. So hätte ich liebend gern den Tagesablauf deutlicher gemacht oder mehr Bilder von besonders weit oben gehabt. Auch hätte ich gern ein paar mehr nicht‐öffentlich zugängliche Orte gezeigt, aber man kann halt nicht immer überall rein oder rauf und wenn am Ende die Perspektive nicht stimmt oder man nichts Interessantes erkennen kann, bringt es alles nichts. So ist es wie mit allen Projekten, irgendwann müssen sie einfach fertig sein. Dementsprechend bin ich froh, es fertig gestellt zu haben und glücklich, dass ein anständiger Film dabei rausgekommen ist.
Fördeflüsterer: Gibt es andere Filme von Dir im Netz zu bewundern und hast Du schon Pläne für einen neuen „Kiel‐Film“?
René Raab: In meinem Vimeo‐Profil unter http://vimeo.com/absraven gibt es ein paar weitere Filme von Kommilitonen und mir, welche während des Studiums entstanden und in meinem privaten Blog unter http://www.absolutraven.de/findet sich auch das ein oder andere Video und Foto aufgeführt. Vielleicht sollte man bei den älteren Werken ein wenig Milde walten lassen, ist schon lange und viele Lektionen her, dass diese entstanden.
Konkrete Pläne für einen neuen Film gibt es momentan nicht. Es gibt den Gedanken, den „Smalltown Kiel“-Film noch einmal in einer etwas abgeänderten und auf die prägnanteren Bilder gekürzten Version zu erstellen. Ansonsten steht als nächstes an, sich einen Job zu suchen und mit der Bachlor‐Thesis anzufangen. Aber man weiß ja nie, wann einen die Kreativität oder Inspiration packt.
Fördeflüsterer: Vielen Dank für das Gespräch und wir freuen uns auf neues Material!
Direkt bei vimeo schauen.