// Kultur

Montag, 06. Februar 2012

Smalltown Kiel

Ein kleiner Film erwärmt die Kieler Herzen

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Der Film „Small­town Kiel“ war in den letz­ten zwei Wochen der Ren­ner in den sozia­len Netz­wer­ken und sogar der Kie­ler Ober­bür­ger­meis­ter Tors­ten Albig emp­fahl den Link sei­nen Facebook‐​Freunden. Doch wer steckte da hin­ter der Kamera und am Schnei­de­pult? Der För­de­flüs­te­rer hat René Raab, 29‐​jähriger Stu­dent der Kie­ler FH ein paar Fra­gen zum Film und sei­ner Bezie­hung zu Kiel gestellt.

För­de­flüs­te­rer: Was die Men­schen natür­lich inter­es­siert: Wer ist der Mann hin­ter der Kamera und wie bist Du auf die Idee gekom­men, einen Film über Kiel im „Tilt Shift‐​Effekt“ zu machen?

René Raab: Auf­ge­wach­sen ist mei­ner­ei­ner im idyl­li­schen Plön und alt bin ich 29 Jahre. Mit dem Start mei­ner Aus­bil­dung zog ich nach Kiel, lernte zu Ende, arbei­tete etwas und begann Mul­ti­me­dia Pro­duc­tion an der FH Kiel zu stu­die­ren. Der Film Small­town Kiel wurde als freies Pro­jekt in mei­nem Stu­dium rea­li­siert und stellt eines von 2 Abschluss­pro­jek­ten dar. Als letz­tes und nächs­tes im Stu­dium steht nun nur noch die Bachelor‐​Thesis an.

René Raab (Bild: privat).
Der Tilt‐​Shift‐​Effekt ist an sich nichts neues und ich selbst hab auch schon vor ein paar Jah­ren mein ers­tes Tilt‐​Shift‐​Bild gemacht. Die Idee, das Ganze auch mal als Film zu machen, hat­ten 2 Kom­mi­li­to­nen von mir zur letz­ten Kie­ler Woche. Unser Stu­di­en­gang macht jedes Jahr für die Stadt Kiel eine Online‐​Redaktion zur Kie­ler Woche, wel­che in Video‐​Beiträgen über die Woche berich­tet. Im Rah­men des­sen setz­ten wir die Idee in ein paar Tagen um und mach­ten den Film „A little town fes­ti­val“. Ein paar Auf­nah­men dar­aus haben es auch in den Film „Small­town Kiel“ geschafft. Schon damals hatte ich den Gedan­ken, das viel­leicht in einen Film über ganz Kiel aus­zu­wei­ten, was letzt­end­lich im Okto­ber 2011 zum freien Pro­jekt wurde.

För­de­flüs­te­rer: In den meis­ten Fil­men über Kiel ist zu 90% Was­ser zu sehen, Du zeigst auch andere Sei­ten der Stadt. War das eine bewußte Ent­schei­dung und wie ist eigent­lich Dein per­sön­li­ches Ver­hält­nis zu Kiel?

René Raab: Was­ser ist ein sehr wich­ti­ges Ele­ment in Kiel, die Stadt wird gera­dezu von ihm domi­niert. Daher kann ich voll­kom­men ver­ste­hen, warum es in den meis­ten Fil­men so eine wich­tige Rolle spielt. Auch bei mir kommt es natür­lich reich­lich vor, mein Ziel war es jedoch, die Stadt mög­lichst ganz zu zei­gen und da gehört dann eben mehr dazu. Im Vor­feld hatte ich mir genau über­legt, was die Stadt aus­zeich­net – was sind Allein­stel­lungs­merk­male oder Eigen­hei­ten. Dabei soll­ten aber auch nicht die All­täg­lich­kei­ten und das ganz nor­male Leben zu kurz kom­men. Ziel war es, sym­bol­haft einen gan­zen Tag im Leben der Stadt zu zei­gen. Idea­ler­weise sogar ein gan­zes Jahr, aber wie man gese­hen hat, ist kein Ver­lass auf die Jah­res­zei­ten und solange wollte ich mir dann auch nicht Zeit las­sen. Bes­ten­falls sollte der Film dem Zuschauer Neues oder Alt­be­kann­tes im neuen Gewand zei­gen, Bewoh­nern der Stadt den Trist der All­täg­lich­keit neh­men und Nicht‐​Kielern die Stadt von ihrer bes­ten Seite prä­sen­tie­ren. Ich hoffe, das ist mir gelun­gen, wenn ich auch nicht alles zei­gen konnte, was ich wollte oder was Kiel zu bie­ten hat.

Mein Ver­hält­nis zu Kiel ist gut, ich denke ich kann uns als gute Bekannte bezeich­nen. Nicht weit ent­fernt auf­ge­wach­sen, habe ich schon früh Kon­takt gesucht und gefun­den. So rich­tig ken­nen­ge­lernt habe ich sie aber doch erst in den letz­ten Jah­ren. Für mich passt das Ver­hält­nis von groß aber auch nicht zu groß, die Nähe zum Was­ser und der etwas schroffe Charme. Mag sein, dass Kiel nicht die schönste Stadt ist, aber es lebt sich ziem­lich ange­nehm in ihr.

Der Boots­ha­fen zur Kie­ler Woche (Bild aus dem Video).

För­de­flüs­te­rer: Die­see „Tilt-Shift“-Effekt wird ja inzwi­schen viel im TV benutzt, bei den Zwi­schen­film­chen vom ESC 2011 oder bei BBCs „Sher­lock“ und ist ja in unter­schied­li­cher Qua­li­tät in vie­len Kom­pakt­ka­me­ras zu fin­den. In der Videoun­ter­schrift steht, Du hät­test den Effekt erst nach­träg­lich ein­ge­baut. Was ist der Grund bzw. wo liegt der Unterschied?

René Raab: Einen Unter­schied gibt es eigent­lich nicht, aber wie so oft ist das ein gro­ßes „eigent­lich“. Meine DSLR, mit der ich die Auf­nah­men gemacht habe, hat eben­falls eine sol­che Funk­tion und das war auch sehr nütz­lich, um zwi­schen­durch zu prü­fen, ob das Bild funk­tio­niert. Das funk­tio­niert aber nur beim Ein­zel­bild. Mache ich Video­auf­nah­men oder sehr viele Seri­en­bil­der, schei­tert das Ganze. Eine andere Mög­lich­keit ist der Ein­satz der namens­ge­ben­den Tilt‐​Shift‐​Objektive. Diese wür­den bei man­chen Bil­dern sogar einen bes­se­ren Effekt erzeu­gen, der nur mit viel Auf­wand zu erstel­len ist, sind dafür aber auch teuer und sehr ein­schrän­kend. Der große Vor­teil der kom­plett eigen­stän­di­gen Nach­be­ar­bei­tung ist die Frei­heit in der Gestal­tung. Man kann nach­träg­lich fest­le­gen, wo man die Schärfe haben will und muss sich auch nicht irgend­wel­chen Vor­ga­ben beu­gen. Man kann die Bil­der gestal­ten, wie sie im Kon­text gebraucht wer­den, ohne sich im Vor­feld zu stark fest­le­gen zu müs­sen. So sind zwar alle Bil­der mit glei­chen Effek­ten und ähn­li­chen Ein­stel­lun­gen bear­bei­tet wor­den, aber jedes ein­zelne wurde ganz indi­vi­du­ell angepasst.

För­de­flüs­te­rer: Wie­viel Zeit, Liebe und Arbeit steckt in solch einem Film? Hast Du da mal ein paar Zah­len für uns, z.B. Menge an Bild­ma­te­rial, Kol­le­gen, Stun­den beim Auf­neh­men und Schneiden?

René Raab: Viel von allem. Bis auf die Auf­nah­men von der Kie­ler Woche hab ich alles allein gemacht. An Roh­ma­te­rial hat sich knapp 300GB ange­sam­melt, was sich vor­nehm­lich durch lange Video­auf­nah­men erklärt. Alle Auf­nah­men sind für den fina­len Film beschleu­nigt, um den Spiel­zeu­geffekt zu ver­stär­ken und das um einen Fak­tor von 1000 – 8000%. So wer­den aus 5 Minu­ten Ori­gi­nal­auf­nahme schnell 10 Sekun­den, wovon let­zend­lich 5 Sekun­den im Film zuse­hen sind. Man braucht für 5:30 Minu­ten also reich­lich Auf­nah­men. Ins­ge­samt gibt es an Roh­ma­te­rial 14 Stun­den reine Video­auf­nah­men, dazu kom­men noch rund 5000 Bil­der, nur für die Nacht­auf­nah­men. Wie­viele Stun­den ich tat­säch­lich drau­ßen in der Kälte zuge­bracht habe, kann ich gar nicht sagen. Es waren aber viele Tage und einige Nächte, über meh­rere Monate hin­weg und an jedem Dreh­ort stand ich jeweils einige Stun­den. Ist viel­leicht ganz gut, wenn man es nicht genau durch­rech­net. Schnitt und Nach­be­ar­bei­tung dau­erte etwa eine Woche. Wobei davon das Bear­bei­tungs­pro­gramm zum Erstel­len des fina­len Films allein 22 Stun­den durch­ge­hend rechnete.

För­de­flüs­te­rer: Wie gehst Du mit dem „neuen Ruhm“ um bzw. war davon über­haupt etwas zu mer­ken? Haben Men­schen Dich auf­grund Dei­nes Namens über dem Video erkannt?

René Raab: Ruhm find ich ein wenig hoch­ge­grif­fen, viel­leicht eher erhöhte Auf­merk­sam­keit. Meine Kom­mi­li­to­nen waren ja eigent­lich die ers­ten, die es geteilt haben und sind somit maß­geb­lich an der Ver­brei­tung betei­ligt. Auf­grund der ört­li­chen Ver­bun­den­heit dachte ich schon, dass es sich ein paar Leute angu­cken, aber mit die­ser Auf­merk­sam­keit habe ich über­haupt nicht gerech­net. Wirk­lich erkannt durchs Video hat mich eher kei­ner, außer viel­leicht mein Fri­seur, der meinte: „Ach das warst du!“. Was mich aber sehr erstaunt und begeis­tert hat: Nach eini­ger Zeit musste ich die Leute nicht mehr drauf hin­wei­sen, dass ich ein Video gemacht hab. Sie kamen auf mich zu und erzähl­ten mir, über wie­viel Ecken es ihnen zuge­sandt wurde. Das und das größ­ten­teils posi­tive Feed­back hat mich schon sehr begeis­tert. Man hat viel Arbeit und Zeit in ein Pro­jekt gesteckt und wenn es am Ende den Leu­ten wirk­lich gefällt, sie einem erzäh­len, dass sie plötz­lich wie­der Heim­weh haben, dann weiß man, wofür man es gemacht hat. Ins­be­son­dere zum Ende, wenn man jedes Bild zig mal gese­hen hat, nur noch Feh­ler sieht und sowieso nicht mehr dran glaubt, dass was Gutes raus­kommt – wenn einen dann plötz­lich die Welle der Begeis­te­rung über­rollt, dann fühlt sich das ver­dammt gut an.

För­de­flüs­te­rer: Wie zufrie­den bist Du selbst mit dem Ergebnis?

Der Kie­ler Hauptbahnhof.

René Raab: Ins­ge­samt bin ich zufrie­den mit dem End­er­geb­nis. Natür­lich ist es nicht per­fekt und die meiste Kri­tik, die ich erhielt, kann ich auch nach­voll­zie­hen. So hätte ich lie­bend gern den Tages­ab­lauf deut­li­cher gemacht oder mehr Bil­der von beson­ders weit oben gehabt. Auch hätte ich gern ein paar mehr nicht‐​öffentlich zugäng­li­che Orte gezeigt, aber man kann halt nicht immer über­all rein oder rauf und wenn am Ende die Per­spek­tive nicht stimmt oder man nichts Inter­es­san­tes erken­nen kann, bringt es alles nichts. So ist es wie mit allen Pro­jek­ten, irgend­wann müs­sen sie ein­fach fer­tig sein. Dem­ent­spre­chend bin ich froh, es fer­tig gestellt zu haben und glück­lich, dass ein anstän­di­ger Film dabei raus­ge­kom­men ist.

För­de­flüs­te­rer: Gibt es andere Filme von Dir im Netz zu bewun­dern und hast Du schon Pläne für einen neuen „Kiel‐​Film“?

René Raab: In mei­nem Vimeo‐​Profil unter http://​vimeo​.com/​a​b​s​raven gibt es ein paar wei­tere Filme von Kom­mi­li­to­nen und mir, wel­che wäh­rend des Stu­di­ums ent­stan­den und in mei­nem pri­va­ten Blog unter http://​www​.abso​lut​ra​ven​.de/​fin­det sich auch das ein oder andere Video und Foto auf­ge­führt. Viel­leicht sollte man bei den älte­ren Wer­ken ein wenig Milde wal­ten las­sen, ist schon lange und viele Lek­tio­nen her, dass diese ent­stan­den.
Kon­krete Pläne für einen neuen Film gibt es momen­tan nicht. Es gibt den Gedan­ken, den „Small­town Kiel“-Film noch ein­mal in einer etwas abge­än­der­ten und auf die prä­gnan­te­ren Bil­der gekürz­ten Ver­sion zu erstel­len. Ansons­ten steht als nächs­tes an, sich einen Job zu suchen und mit der Bachlor‐​Thesis anzu­fan­gen. Aber man weiß ja nie, wann einen die Krea­ti­vi­tät oder Inspi­ra­tion packt.

För­de­flüs­te­rer: Vie­len Dank für das Gespräch und wir freuen uns auf neues Material!

Video

Direkt bei vimeo schauen.

Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt, die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon. Inter­es­sen: Poli­tik, Medien, Bür­ger­rechte, Filme, Kochen und alles rund um Kiel.

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