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Dienstag, 13. Februar 2018

Tocotronic

Die Unendlichkeit

Tocotronic – Die Unendlichkeit
Tocotronic – Die Unendlichkeit

Warum nen­nen Toco­tro­nic das elfte Album „Die Unend­lich­keit“? Viel­leicht liegt der Tat­be­stand darin begrün­det, dass man aus der Ferne vie­les ganz anders bewer­tet, als wenn man es von Nahem betrach­tet. Man rich­tet aus dem Uni­ver­sum den Blick auf das Wesent­li­che. So lässt sich der Titel von Toco­tro­nics neuem Werk auch ablei­ten, denn es ist das erste Album seit lan­gem, wel­ches sehr auto­bio­gra­phisch ist.

Sicher­lich waren ihre ers­ten drei Lang­spie­ler auch durch­aus aus dem direk­ten Leben von Dirk von Lowtzow ent­sprun­gen. Damals schlug es sich in Tex­ten nie­der, die zor­nig waren und von der Abnei­gung allem Spie­ßi­gen gegen­über. Im Prin­zip ist die­ses auch auf „Die Unend­lich­keit“ klar erkenn­bar, und man kann viel­leicht groß­zü­gig sagen, dass wir es dies­mal mit Toco­tro­nic 2.0 zu tun haben.

Sie erzäh­len viele Geschich­ten noch­mal, aber im neuen Kon­text und aus einer ande­ren Sicht­weise her­aus. Nur sind die Songs nicht mit so einer unbän­di­gen Wut bestückt wie bei­spiels­weise „Alles was ich will ist nichts mit Euch zu tun haben“.

Den­noch erlebt man auf die­sem neuen Streich bei der Band eine musi­ka­li­sche Rück­be­sin­nung auf die Früh­werke. So ist die erste Sin­gle „Hey Du“ auch punk­ro­ckend, hat schon etwas den rot­zi­gen DIY‐​Charme und han­delt auch davon, dass man mit den ande­ren nichts zu tun hat. Aber es han­delt auch vom Leben in der Pro­vinz, wenn man eben nicht mit den Mas­sen mitgeht.

Auch „1993“ ist von der Ver­gan­gen­heit geprägt und bio­gra­phisch. Dirk von Lowtzow hat Frei­burg ver­las­sen, ist in Ham­burg gelan­det, hat die Band gegrün­det, und sein neues Leben beginnt. Auch hier wird schnell rup­pig gespielt, und der Refrain wird mit Vocoder‐​Gesang ange­rei­chert. Das Schöne an „Die Unend­lich­keit“ ist aber die Tat­sa­che, dass das Quar­tett die Band­ge­schichte der Jugend mit dem heu­ti­gen weit­läu­fi­gen klang­li­chen Uni­ver­sum gut verbindet.

Die Songs sind ver­mehrt rauer, kom­men schnel­ler auf den Punkt und sind nicht so oft ver­win­kelt. Den­noch sind die Arran­ge­ments üppig bestückt. Das Titel­stück ist das sicher­lich aus­uferndste, aber wie soll man „Die Unend­lich­keit“ sonst ver­pa­cken? In einem Zwei‐​Minuten‐​Song funk­tio­niert das nicht, da müs­sen die Instru­mente in Schich­ten auf­tau­chen und eben auch Weite haben, um sich zu ent­fal­ten und am Ende wild auf­ein­an­der zu treffen.

Am bes­ten ver­bin­det die bei­den musi­ka­li­schen Aus­rich­tun­gen das Lied „Ele­cric Gui­tar“. Bei die­sem Song geht es erneut um „Teen­age Riot“ und die sanfte Rebel­lion. Die Gitar­ren sind leich­ter, und auch die rest­li­chen Instru­mente leben vom Wohl­klang. Es ist der Sound, den man von Her­ren Mitte 40 erwar­tet, und den­noch ist man hoch erfreut, auch die jun­gen Män­ner wie­der durch­blit­zen zu sehen.

Erschie­nen bei: Ver­tigo /​Uni­ver­sal
toco​tro​nic​.de

Über den Autor

Hauke Heesch Hauke Heesch

Hauke Heesch ist der Mann beim För­de­flüs­te­rer mit der Nase für gute Musik. Jede sei­ner Emp­feh­lun­gen ist ein Kauf­be­fehl – wer dann noch Radio hört, ist selbst Schuld.

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