// Literatur

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Lesung im Studio

Die Titanic-Boygroup auf Abschiedstournee in Kiel

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Was machen „uneh­ren­haft ent­las­sene Chef­re­dak­teure“ einer gro­ßen deut­schen Sati­re­zeit­schrift? Genau, sie gehen gemein­sam auf Tour­nee durchs Land. Nach 15 Jah­ren heißt es nun „Abschieds­tour­nee“ für die selbst­er­nannte „Tita­nic Boy­group“ Son­ne­born, Schmitt und Gsella und am 4. Dezem­ber mach­ten sie auch im Film­thea­ter am Drei­ecks­platz in Kiel Halt.

Es war ein „ver­rot­te­ter Regio­nal­ex­press“, der die drei ehe­ma­li­gen Chef­re­dak­teure des Sati­re­ma­ga­zins „Tita­nic“ ins regen­nasse Kiel brachte, doch ein Künst­ler muss lei­den, um wahre Kunst zu schaf­fen. Die 240 Besu­cher, die für einen aus­ver­kauf­ten Saal 1 des Stu­dio Film­thea­ters am Drei­ecks­platz sorg­ten, dank­ten es den drei Män­nern auf dem Podium mit Lachern unter­schied­lichs­ter Art: „Hahaha“ war das ent­spannte Lachen über den nor­ma­len Witz, „höhöhö“ für den leicht zwei­deu­ti­gen Kalauer und „hohoho“ nicht etwa für den Weih­nachts­mann, son­dern für die poli­tisch unkor­rekte Abtei­lung, wie zum Bei­spiel das klare Bekennt­nis für die Rück­kehr der deutsch‐​deutschen (Grenz-)Mauer.

Jeder Prot­ago­nist hat sein eige­nes Spe­zi­al­ge­biet: Wäh­rend Gsella vor allem seine Gedichte vor­trägt, infor­miert Son­ne­born per Text und Video über seine politisch‐​jornalistischen Tätig­kei­ten. Schmitt hin­ge­gen fällt die Auf­gabe zu, den roten Faden durch den Abend zu zie­hen – mit Erfolg.

Die „Tita­nic Boy­group“ ist auf der Höhe der Zeit, tech­nisch gese­hen. Dafür sprach das schi­cke Lap­top neben den antik wir­ken­den Lam­pen, wie auch die Tat­sa­che, dass sich die Prot­ago­nis­ten wäh­rend ihrer Vor­träge gern mal gegen­sei­tig digi­tal foto­gra­fier­ten. Auch die Tita­nic selbst hat ihre Spiel­wie­sen erwei­tert: Wur­den DVU‐​Abgeordnete noch per Tele­fon und Dax zu unüber­leg­ten Aus­sa­gen bewegt, kam die Pro­vo­ka­tion des hes­si­schen SPD‐​Spitzenkandidaten bereits per Kurz­nach­rich­ten­dienst „Twit­ter“ her­bei, und der CDU‐​Politiker Map­pus wurde mit­hilfe eines fal­schen Facebook‐​Freundes hochgenommen.

Unter der Mode­ra­tion und Lei­tung des dienst­äl­tes­ten Ex‐​Chefredakteurs, Oli­ver Maria Schmitt wur­den ein Exkurs durch die 32‐​jährige Geschichte der Tita­nic mit Hilfe denk­wür­di­ger Titanic‐​Cover unter­nom­men. Gleich­zei­tig war es auch eine Tour durch die jün­gere poli­ti­sche Geschichte Deutsch­lands – zumin­dest so, wie die Tita­nic sie sah. So erfuhr das Kie­ler Publi­kum, wie der Engholm‐​Titel zustande kam und was auf ihn folgte, auf wel­che Weise man „Kohls Toch­ter“ an die Macht brin­gen wollte und wel­che bewegte Geschichte andere Titanic‐​Titelblätter in der nach­fol­gen­den Zeit hat­ten, sei es der „Pro­blem­bär Bruno/​Beck“, das Einheits‐​Doping‐​Bild oder die Geschichte mit dem „Lat­ten­gustl“, wie Schmitt das Kru­zi­fix lie­be­voll nennt. Seit 1979 habe man sich bereits acht Mal mit der katho­li­schen Kir­che vor Gericht getroffen.

Schmitt rühmte die gute Zusam­men­ar­beit mit „Birne“ Hel­mut Kohl und die 1989 noch „total intakte Ost­grenze mit einer tadel­lo­sen Mauer, die von einer zer­lump­ten Horde ein­ge­ris­sen wurde, die uns nun den Wohl­stand weg­ge­fres­sen haben“ (Schmitt). Es sei ein­fach Fakt, dass für den Sati­ri­ker zwei Deutsch­lands bes­ser seien als nur eins. Doch auch mit der SPD ver­bin­det die „Tita­nic“ so eini­ges. Schmitt stellte fest, dass jeder SPD‐​Vorsitzende, der bis­her gegen das Sati­re­ma­ga­zin klagte, kurz danach zurücktrat.

Das Kie­ler Publi­kum wurde im Laufe des Abends mit Gsel­las Gedich­ten, abwech­selnd vor­ge­le­se­nen „Briefe an die Leser“ aus der Tita­nic und Videos von Son­ne­borns Tätig­keit für die „heute‐​show“ des ZDF unter­hal­ten. Gsella unter­hielt mit „gereim­ten Erkennt­nis­sen über Europa“, von Polen über Öster­reich und Schott­land bis hin zum „hin­zu­ge­kauf­ten Deutsch­land“ sowie sei­ner „Offen­ba­cher Antho­lo­gie“ und sei­nen Per­spek­ti­ven der Lyrik im 21. und 22. Jahrhundert.

Mar­tin Son­ne­born zeigte drei sei­ner bes­ten Außen­re­por­ta­gen für das ZDF. Sein Gespräch mit einem Pres­se­spre­cher aus der Phar­ma­in­dus­trie über Gene­rika, der Ver­such, in Ost­deutsch­land „60 Jahre Grund­ge­setz“ zu fei­ern oder das Video, in dem er Haus­be­sit­zer zur Durch­füh­rung von „Google Home­view“ zu über­re­den ver­sucht, sind mitt­ler­weile legen­där. Wie Schmitt kom­men­tierte, gäbe es nur drei Kon­zerne, die ver­such­ten die Welt­herr­schaft an sich zu rei­ßen: Face­book, Google und natür­lich die „Titanic“.

Doch auch das aktu­elle Tages­ge­sche­hen kam nicht zu kurz: Die rechte Ter­ror­zelle und die Über­ra­schung des Ver­fas­sungs­schut­zes dar­über, die Mut­ma­ßung, dass Kachel­mann ein guter Nach­fol­ger für Dome­nik Strauß‐​Kahn sein könnte oder wie man „Wet­ten dass…?“ mit­hilfe der Sen­dung „Deutsch­land sucht den Super­mo­de­ra­tor“ unter­stüt­zen könnte. Im Stil einer „Foto‐​Society‐​Story“ wur­den dann noch die Aben­teuer von „The Gutt“, dem neuen Spitz­na­men Karl Theo­dor zu Gut­ten­bergs, vor­ge­stellt. Der „Tita­nic“ sei es ein wenig pein­lich, Deutsch­lands poli­ti­schen Stern so ver­glü­hen zu sehen, schließ­lich habe er sich von „Deutsch­lands poli­tischs­ter Illus­trier­ten“ die Dok­tor­ar­beit schrei­ben lassen.

Für die „Tita­nic Boy­group“ hat es sich defi­ni­tiv gelohnt, ins win­ter­li­che Kiel zu kom­men. Aus­ver­kauf­tes Haus, gro­ßes Gedränge am „Devo­tio­na­li­en­stand“ und posi­tive Reak­tio­nen im Foyer, in der Pause und nach der Ver­an­stal­tung spre­chen eine deut­li­che Spra­che. Es bleibt zu hof­fen, dass schon bald der „Abschied vom Abschied“ ver­kün­det wird, ganz in der Tra­di­tion eines Howard Car­pen­dale oder diver­ser mehr oder weni­ger bekann­ter Politiker.

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Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon.

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