Mittwoch, 21. Dezember 2011
Lesung im Studio
Es war ein „verrotteter Regionalexpress“, der die drei ehemaligen Chefredakteure des Satiremagazins „Titanic“ ins regennasse Kiel brachte, doch ein Künstler muss leiden, um wahre Kunst zu schaffen. Die 240 Besucher, die für einen ausverkauften Saal 1 des Studio Filmtheaters am Dreiecksplatz sorgten, dankten es den drei Männern auf dem Podium mit Lachern unterschiedlichster Art: „Hahaha“ war das entspannte Lachen über den normalen Witz, „höhöhö“ für den leicht zweideutigen Kalauer und „hohoho“ nicht etwa für den Weihnachtsmann, sondern für die politisch unkorrekte Abteilung, wie zum Beispiel das klare Bekenntnis für die Rückkehr der deutsch‐deutschen (Grenz-)Mauer.
Jeder Protagonist hat sein eigenes Spezialgebiet: Während Gsella vor allem seine Gedichte vorträgt, informiert Sonneborn per Text und Video über seine politisch‐jornalistischen Tätigkeiten. Schmitt hingegen fällt die Aufgabe zu, den roten Faden durch den Abend zu ziehen – mit Erfolg.
Die „Titanic Boygroup“ ist auf der Höhe der Zeit, technisch gesehen. Dafür sprach das schicke Laptop neben den antik wirkenden Lampen, wie auch die Tatsache, dass sich die Protagonisten während ihrer Vorträge gern mal gegenseitig digital fotografierten. Auch die Titanic selbst hat ihre Spielwiesen erweitert: Wurden DVU‐Abgeordnete noch per Telefon und Dax zu unüberlegten Aussagen bewegt, kam die Provokation des hessischen SPD‐Spitzenkandidaten bereits per Kurznachrichtendienst „Twitter“ herbei, und der CDU‐Politiker Mappus wurde mithilfe eines falschen Facebook‐Freundes hochgenommen.
Unter der Moderation und Leitung des dienstältesten Ex‐Chefredakteurs, Oliver Maria Schmitt wurden ein Exkurs durch die 32‐jährige Geschichte der Titanic mit Hilfe denkwürdiger Titanic‐Cover unternommen. Gleichzeitig war es auch eine Tour durch die jüngere politische Geschichte Deutschlands – zumindest so, wie die Titanic sie sah. So erfuhr das Kieler Publikum, wie der Engholm‐Titel zustande kam und was auf ihn folgte, auf welche Weise man „Kohls Tochter“ an die Macht bringen wollte und welche bewegte Geschichte andere Titanic‐Titelblätter in der nachfolgenden Zeit hatten, sei es der „Problembär Bruno/Beck“, das Einheits‐Doping‐Bild oder die Geschichte mit dem „Lattengustl“, wie Schmitt das Kruzifix liebevoll nennt. Seit 1979 habe man sich bereits acht Mal mit der katholischen Kirche vor Gericht getroffen.
Schmitt rühmte die gute Zusammenarbeit mit „Birne“ Helmut Kohl und die 1989 noch „total intakte Ostgrenze mit einer tadellosen Mauer, die von einer zerlumpten Horde eingerissen wurde, die uns nun den Wohlstand weggefressen haben“ (Schmitt). Es sei einfach Fakt, dass für den Satiriker zwei Deutschlands besser seien als nur eins. Doch auch mit der SPD verbindet die „Titanic“ so einiges. Schmitt stellte fest, dass jeder SPD‐Vorsitzende, der bisher gegen das Satiremagazin klagte, kurz danach zurücktrat.
Das Kieler Publikum wurde im Laufe des Abends mit Gsellas Gedichten, abwechselnd vorgelesenen „Briefe an die Leser“ aus der Titanic und Videos von Sonneborns Tätigkeit für die „heute‐show“ des ZDF unterhalten. Gsella unterhielt mit „gereimten Erkenntnissen über Europa“, von Polen über Österreich und Schottland bis hin zum „hinzugekauften Deutschland“ sowie seiner „Offenbacher Anthologie“ und seinen Perspektiven der Lyrik im 21. und 22. Jahrhundert.
Martin Sonneborn zeigte drei seiner besten Außenreportagen für das ZDF. Sein Gespräch mit einem Pressesprecher aus der Pharmaindustrie über Generika, der Versuch, in Ostdeutschland „60 Jahre Grundgesetz“ zu feiern oder das Video, in dem er Hausbesitzer zur Durchführung von „Google Homeview“ zu überreden versucht, sind mittlerweile legendär. Wie Schmitt kommentierte, gäbe es nur drei Konzerne, die versuchten die Weltherrschaft an sich zu reißen: Facebook, Google und natürlich die „Titanic“.
Doch auch das aktuelle Tagesgeschehen kam nicht zu kurz: Die rechte Terrorzelle und die Überraschung des Verfassungsschutzes darüber, die Mutmaßung, dass Kachelmann ein guter Nachfolger für Domenik Strauß‐Kahn sein könnte oder wie man „Wetten dass…?“ mithilfe der Sendung „Deutschland sucht den Supermoderator“ unterstützen könnte. Im Stil einer „Foto‐Society‐Story“ wurden dann noch die Abenteuer von „The Gutt“, dem neuen Spitznamen Karl Theodor zu Guttenbergs, vorgestellt. Der „Titanic“ sei es ein wenig peinlich, Deutschlands politischen Stern so verglühen zu sehen, schließlich habe er sich von „Deutschlands politischster Illustrierten“ die Doktorarbeit schreiben lassen.
Für die „Titanic Boygroup“ hat es sich definitiv gelohnt, ins winterliche Kiel zu kommen. Ausverkauftes Haus, großes Gedränge am „Devotionalienstand“ und positive Reaktionen im Foyer, in der Pause und nach der Veranstaltung sprechen eine deutliche Sprache. Es bleibt zu hoffen, dass schon bald der „Abschied vom Abschied“ verkündet wird, ganz in der Tradition eines Howard Carpendale oder diverser mehr oder weniger bekannter Politiker.
Direkt bei youtube schauen.