Dienstag, 10. Januar 2012
Dienstagskolumne
Wie ich da so stehe. Am helllichten Tag. Irgend ein Lied vor mich hin summend, stumm vor mir her sprechend oder sicherlich irgendwas in dieser Art. Unverhältnismäßig die Dauer dieses Zustandes. Den Blick mit ungeheurer Konstanz nach unten gerichtet. In die offene Küchenschrankschublade. Der Besteckkasten als mein Ziel. Unmengen an Gabeln, Messer und Löffel. Schere, Sparschäler und Schöpfkelle. Pfannenwender, Korkenzieher und Flaschenöffner. Dessert– , Eier– und Kaffeelöffel. Dosenöffner für Rechts– und Linkshänder. Sowie das obligatorische Teeei – ausgeschrieben ein ausgesprochen seltsames Wort. Und zuletzt dieser ganz spezielle Gegenstand. Sein Name? Unbekannt. Seine Funktion? Ebenfalls unbekannt. Seine letzte Anwendung? Nochmals unbekannt. Ich behalte ihn. Jeder braucht eine Leerstelle in seinem Besteckkasten. Und bei jedem Öffnen der Schublade die Frage: „Was zum Teufel bist du.“
Aber was tue ich hier? „Ich betrachte ein Beispiel“ Ein Beispiel für was? „Keine Ahnung – aber das Beispiel habe ich hier in der Schublade gefunden.“ Und ganz allmählich – nicht etwa von ‚aus‘ auf ‚an‘ oder von ‚vergessen‘ auf ‚wissen‘ – schlägt die kleine Welt der Besteckkästen über in meine Welt der wahren und ach so schrecklich harten Realität. Und das ist ernst gemeint. Keine neue, keine aus aktuellem Anlass gegebene Erkenntnis. Sondern die vielmehr aus immer schon gegebenen Anlass offen daliegende Einsicht. Wie die Einsicht in meine ebenfalls offene Küchenschrankschublade: die Welt ist kompliziert. Meine ebenso wie die im Besteckkasten. Der Zwang, durch Entscheidungen der Komplexität zu entgehen, ist ungebrochen. In Meiner ebenso wie im Besteckkasten. Doch sind es diese Entscheidungen, die ins Fleisch schneiden und eine weit verzweigte Straßenkarte entfalten. Wohl dem, der entscheidungsfreudig ist. Und ramme ich den Eierlöffel ins Steak, filetier mit dem Sparschäler den Fisch, wende mit dem Korkenzieher den Pfannkuchen oder esse aus der Schöpfkelle mein Müsli werden die Möglichkeiten unzählbar. Die Wahlfreiheit zur Willkür. Immer wenn ich mein Besteck hinterfrage esse ich schlecht. „Hör auf darüber nachzudenken. Wenn du dir ein Brot schmieren willst, greif dir endlich ein Brotmesser.“ Sage es und öffne die nächste Schublade.