// Bühne

Montag, 26. Januar 2009

Premiere im Schauspielhaus

Zwischen Moral und „Gruppenknuddeln“ – Der Boss vom Ganzen

Ravn (I.Humm) und die "sechs Alten" © struck-foto
Ravn (I.Humm) und die "sechs Alten" © struck-foto

Jetzt beginnt das Stück!“ – So weist eine Stimme aus dem Off das Publi­kum im Schau­spiel­haus am Abend des 24.Januar zurecht, an dem „Der Boss vom Gan­zen“ Pre­miere fei­ert. Auf der schwar­zen Bühne mit grel­len Neon­röh­ren ent­steigt eine blei­che Per­son dem Gra­ben auf der Bühne.

Der schein­bar all­wis­sende Erzäh­ler führt diese Figur als Kristof­fer (Zacha­rias Preen) ins Gesche­hen ein. Der sti­li­sierte Berufs­schau­spie­ler fügt sich in sei­ner Art genau in das Ras­ter der, von der Off‐​Stimme zuvor per­si­flier­ten thea­tra­li­schen Hoch­kul­tur. Er lässt auch nicht davon ab, als der Geschäfts­mann Ravn (Ima­nuel Humm) auf die Bühne tritt und den Mimen enga­giert. Als Sören K. soll Kristof­fer Ravn ret­ten. Der Geschäfts­mann führt in sei­ner erfolg­rei­chen IT‐​Firma man­gels Füh­rungs­stärke ein Dop­pel­le­ben: für seine Ange­stell­ten ist er ein stets loya­ler Kol­lege. Die wis­sen jedoch nichts von sei­ner Posi­tion und ver­mu­ten einen Chef in Ame­rika, der die geschäft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten extern regelt. Als Ravn eine wich­tige Ent­schei­dung tref­fen muss, setzt er in sei­ner Ver­zweif­lung den pas­sio­nier­ten Schau­spie­ler Kristof­fer als den „Boss vom Gan­zen“ ein…

Die Vor­lage zu „Der Boss vom Gan­zen“ stammt aus der Feder des Dänen Lars von Trier, einer der bekann­tes­ten und mar­kan­tes­ten Fil­me­ma­cher sei­nes Lan­des. Von Trier, Regis­seur von Fil­men wie „Dog­ville“ und „Brea­king The Waves“ und Mit­be­grün­der des Dogma95– Mani­fests, schrieb das Drehbuch

I.Humm, Z.Preen
© struck‐​foto
zum 2006 erschie­ne­nen Film. Und tat­säch­lich ist auch die Atmo­sphäre auf der Kie­ler Bühne eine fil­mi­sche. Eine hohe Dyna­mik lässt auf Schnitte schlie­ßen, Sze­nen rei­hen sich schnell anein­an­der und auch die Dia­loge las­sen Ein­drü­cke von Gegen­schüs­sen auf­kom­men. „Der Boss vom Gan­zen“ ver­wirk­licht ein cine­as­ti­sches Ambi­ente, an das der Erzäh­ler aus dem Off anknüpft.

Der Boss Sören K. alias Schau­spie­ler Kristof­fer tritt in eine bis dahin intakte Kol­le­gen­schaft und ver­ur­sacht durch sei­nen plötz­li­chen Auf­tritt ein Chaos. Die jah­re­lang von Ravn geschür­ten Gerüchte um den ver­meint­lich abwe­sen­den Boss las­sen die Mit­ar­bei­ter Sören K. feind­lich gegen­über­ste­hen. Lang­sam jedoch beginnt die­ser, sich sei­ner Macht in der Firma bewusst zu wer­den und dreht den Spieß um… Die Stim­mung auf der Bühne ist eine typisch komö­di­an­ti­sche – und sollte sich eigent­lich im dänisch‐​sarkastischen Stil bewe­gen. Die­ser schafft es jedoch kaum, sich durch­zu­set­zen und drif­tet zum Ende hin lei­der immer mehr ins Alberne ab. Auch die teil­weise sehr dras­ti­sche Spra­che wirkt eher auf­ge­setzt denn glaubhaft.

J.Böhm, E.Dorn, A.Richter, C.Kämpfer, S.Wang
© struck‐​foto

Und den­noch hat Regis­seur Sieg­fried Bühr mit Dra­ma­turg Mar­cus M.Grube ein Stück insze­niert, das mit dem Gegen­satz zwi­schen Rea­li­tät und Komö­die koket­tiert. Ebenso bestim­men die Dif­fe­ren­zen von Berufs­ethos und Unmo­ral die The­ma­tik. Trotz recht kar­gem Büh­nen­bild und schlich­ter Aus­stat­tung erschafft das Ensem­ble ein fil­misch anmu­ten­des Ambi­ente, das auch durch die weiß geschmink­ten Gesich­ter und Ein­be­zie­hung des Publi­kums erhal­ten bleibt. Psy­chisch labile Ange­stellte (Ellen Dorn), Stre­ber (Ger­rit Frers) und ein kau­der­wel­schen­der Islän­der (Chris­tian Kämp­fer) mit enga­gier­tem Dol­met­scher (Ste­fan W. Wang) – Bühr lässt sie alle diese Farce bis zur über­ra­schen­den Wende auf­recht­er­hal­ten. Selbst die Pro­ble­ma­tik des „Stücks im Stück“ durch den Büh­nen­schau­spie­ler Kristof­fer, der die Mas­ke­rade irgend­wann zu sei­ner Bühne erhebt, wird geschickt umschifft. Sie lässt Von Triers Worte über diese Hand­lung jedoch nur teil­weise bewahr­hei­ten: „Es ist eine völ­lig harm­lose Komödie.“

Über den Autor

Sunna Riecken Sunna Riecken

Die italo­phile Kie­le­rin hat Neuere Deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Medien an der CAU stu­diert. Nach ihrem Magis­ter sucht sie nun neue (kul­tu­relle) Her­aus­for­de­run­gen und wird den För­de­flüs­te­rer in Sachen Bühne und Kul­tur bald von Ber­lin aus unterstützen.

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