Dienstag, 11. Mai 2010
René Marik begeisterte in Kiel
Dabei begann die Vorstellung des neuen Programms „KasperPop“ düster: Das Licht im Saal verschwand, und aus der hintersten Ecke des Raumes tauchte eine vermummte Gestalt auf, die kleine Taschenlampe auf eine glatzköpfige Marionette gerichtet, die über das Mikrofon wüste Beleidigungen aussprach. Sei es nun das wenig Schloßhafte des Kieler Schlosses oder die Outfits der Besucher im Saal – die Puppe holte zum Rundumschlag aus bis die vermummte Person die Bühne erreichte, den „Hasskasper“ auf einem Ständer rechts der Bühne absetzte und unter Applaus des Publikums verschwand. Genauso bizarr ging es weiter, als ein stark beleibter Mensch namens „Professor Inge“ mit sehr ausgewähltem Bekleidungsgeschmack die Bühne betrat und auf einem kleinen, keyboardähnlichen Gerät die Anfangsmelodie des Raumschiffes Enterprise zum besten gab, bevor es dann endlich mit dem losging, weshalb die meisten Zuschauer wohl gekommen waren: Puppenspiel mit dem Kermit‐ähnlichen „Falkenhorst“ und einem Warm‐up für den Puppenspieler selbst.
René Marik ist sich anscheinend sehr wohl bewußt, dass die Besucher seiner Shows in erster Linie wegen seiner Puppenspiele kommen, und so gab es ein Wiedersehen mit all den Figuren, die bereits in seinem ersten Programm „Autschn“ mehr oder weniger große Rollen gespielt haben: Der Eisbär „Kalle“ saß wieder auf seinem Eisberg, der Frosch „Falkenhorst“ verzweifelte an der schauspielerischen Leistung anderer (und auch an seiner eigenen), die aus Putzlumpen bestehenden „Dominic“ und „Jacqueline“ trafen sich wieder und der allseits beliebte Maulwurf mit dem Sprachfehler umwarb viele weitere Male seine angehimmelte Barbiepuppe „de Barbe“, bevor er erneut den Tod fand, als er versuchte, ein Gespräch mit einer chinesischen Winkekatze zu führen.
Neu war jedoch der Bezug des Puppenspiels zu Zeitgeist und Zeitgeschehen: So trafen sich die „Lappen“ auf dem World Trade Center kurz vor dem Einschlag des Flugzeugs, die Buch– und Filmreihen „Harry Potter sowie “„Twilight“ fanden Erwähnung und auch politische Geschehnisse wurden aufgegriffen: Der Maulwurf landete auf der Suche nach Sonne und Wärme ausgerechnet in Afghanistan und wurde mit rotem Stirnband und Maschinengewehr aus Pappe spontan zum Einzelkämpfer à là Rambo.Für weitere Katastrophen kam nun der „Hasskasper“ aka „Glatzenkasper“ hinzu, eine mies gelaunte Puppe, die den Zuschauern vor allem dann Emotionen entlockte, wenn Charaktere wie der Maulwurf durch Entführung seiner Braut oder der Frosch nach Entfernung des Froschschenkels unter seinen Einwirkungen zu leiden hatten. Ansonsten war der Kasper vor allem für mehr Interaktivität mit den Zuschauern verantwortlich: Zunächst in Berlin und später an allen Spielorten wurde eine sogenannte „Hasskasperbox“ aufgestellt, in der Zuschauer des Programms später die Puppe über die Hand und in der Anonymität der Box „so richtig schön vom Leder“ ziehen konnten. Die besten Ausschnitte von vorherigen Aufnahmen wurden im Programm zwei Mal auf der Videoleinwand gezeigt und sorgten neben den Puppenspielen für die meisten Lacher am Abend.
Ein anderer Programmpunkt des Abends, der „Pop“ wurde in erster Linie durch musikalische Einlagen Mariks abgedeckt. Als mit einer E‐Gitarre behängter „Don Mercedes Mopped“, unterstützt vom „Tastateur Professor Inge“ variierten die vorgetragenen Musikstücke zwischen Schlager und Deutsch‐Pop aus Blumfelds schlechteren Tagen. Dann doch lieber wieder zurück zum Puppenspiel, wo der Maulwurf mit auffälliger Brille und Plastikkeyboard seiner „Barbe“ den Stevie Wonder‐Klassiker „I just called to say I love you“ vortrug oder Kalle der Eisbär einer Plastik-E.T.-Figur mit dem Wunsch „nach Hause zu telefonieren“ nahelegte, sich mal „gefälligst mal Hemmungen zuzulegen“.
Ein zweites Programm hat es immer schwer, vor allem wenn der Vorgänger wie eine Bombe eingeschlagen hat. René Marik hat versucht, beliebte Elemente von „Autschn“ nicht einfach plump zu wiederholen, sondern neue Akzente zu setzen und das Puppenspiel für Erwachsene stärker im Bewußtsein der Kleinkunst zu verankern. Ein Puppenspieler allein kann nicht einen ganzen Abend lang „über Kopf“ spielen und daher sind andere Einlagen im Programm notwendig – doch waren da die „Liebeslieder“, die während der „Autschn“-Tour für Abwechslung sorgten, eher geeignet, einen roten Faden im Programm zu finden, als die Musik des aktuellen Stücks „KasperPop“.
Das Publikum liebt René Marik, wenn er das tut, was er am besten kann: Ganz und gar nicht perfekte Puppen mit nur wenigen, teils offensichtlich von Hand gebastelten Requisiten in absurde Situationen schicken. Diese Liebe zum Detail und zu den Puppen macht einen gelungenen Abend aus. Das Kieler Publikum dankte es mit starkem Beifall, Zugabenwünschen und einer langen Schlange vor der „Hasskasperbox“, die im Foyer aufgestellt wurde. Vielleicht erfahren dann die Flensburger, Münchener oder Berliner, was bei den Kielern für Entrüstung sorgt.
Direkt bei youtube schauen.