// Kultur

Dienstag, 11. Mai 2010

René Marik begeisterte in Kiel

Wenn der Hasskasper kommt

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Aus­ver­kauf­tes Haus im Kie­ler Schloß, star­ker Bei­fall und viel Inter­ak­ti­vi­tät mit den Besu­chern: Sowohl das Kie­ler Publi­kum, aber auch der Pup­pen­spie­ler René Marik kamen bei sei­nem Auf­tritt voll auf ihre Kos­ten. Pup­pen­thea­ter für Erwach­sene, gepaart mit Live­mu­sik­ein­la­gen und zahl­rei­chen Zuga­ben sorg­ten für einen bun­ten und fröh­li­chen Abend.

Dabei begann die Vor­stel­lung des neuen Pro­gramms „Kas­per­Pop“ düs­ter: Das Licht i­m Saal ver­schwand, und aus der hin­ters­ten Ecke des Rau­mes tauchte eine ver­mummte Gestalt auf, die kleine Taschen­lampe auf eine glatz­köp­fige Mario­nette gerich­tet, die über das Mikro­fon wüste Belei­di­gun­gen aus­sprach. Sei es nun das wenig Schloß­hafte des Kie­ler Schlos­ses od­er die Out­fits der Besu­cher im Saal – die Puppe holte zum Rund­um­schlag aus bis die ver­mummte Per­son die Bühne erreichte, den „Hass­kas­per“ auf einem Stän­der rechts der Bühne absetzte und unter Applaus des Publi­kums ver­schwand. Genauso bizarr ging es wei­ter, als ein stark beleib­ter Mensch namens „Pro­fes­sor Inge“ mit sehr aus­ge­wähl­tem Beklei­dungs­ge­schmack die Bühne betrat und auf einem klei­nen, key­board­ähn­li­chen Gerät die Anfangs­me­lo­die des Raum­schif­fes Enter­prise zum bes­ten gab, bevor es dann end­lich mit dem los­ging, wes­halb die meis­ten Zuschauer wohl gekom­men waren: Pup­pen­spiel mit dem Kermit‐​ähnlichen „Fal­ken­horst“ und einem Warm‐​up für den Pup­pen­spie­ler selbst.

“Ein Pro­gramm über Pop und Kata­stro­phen – suchen Sie sich den roten Faden doch selbst!“

René Marik ist sich anschei­nend sehr wohl bewußt, dass die Besu­cher sei­ner Shows in ers­ter Linie wegen sei­ner Pup­pen­spiele kom­men, und so gab es ein Wie­der­se­hen mit all den Figu­ren, die bereits in sei­nem ers­ten Pro­gramm „Autschn“ mehr oder weni­ger große Rol­len gespielt haben: Der Eis­bär „Kalle“ saß wie­der auf sei­nem Eis­berg, der Frosch „Fal­ken­horst“ ver­zwei­felte an der schau­spie­le­ri­schen Leis­tung ande­rer (und auch an sei­ner eige­nen), die aus Putz­lum­pen beste­hen­den „Domi­nic“ und „Jac­que­line“ tra­fen sich wie­der und der all­seits beliebte Maul­wurf mit dem Sprach­feh­ler umwarb viele wei­tere Male seine ange­him­melte Bar­bie­puppe „de Barbe“, bevor er erneut den Tod fand, als er ver­suchte, ein Gespräch mit einer chi­ne­si­schen Win­ke­katze zu führen.

René Marik und seine belieb­tes­ten Pup­pen. Bild: Ben Wolf
Neu war jedoch der Bezug des Pup­pen­spiels zu Zeit­geist und Zeit­ge­sche­hen: So tra­fen sich die „Lap­pen“ auf dem World Trade Cen­ter kurz vor dem Ein­schlag des Flug­zeugs, die Buch– und Film­rei­hen „Harry Pot­ter sowie “„Twi­light“ fan­den Erwäh­nung und auch poli­ti­sche Gescheh­nisse wur­den auf­ge­grif­fen: Der Maul­wurf lan­dete auf der Suche nach Sonne und Wärme aus­ge­rech­net in Afgha­nis­tan und wurde mit rotem Stirn­band und Maschi­nen­ge­wehr aus Pappe spon­tan zum Ein­zel­kämp­fer à là Rambo.

Für wei­tere Kata­stro­phen kam nun der „Hass­kas­per“ aka „Glat­zen­kas­per“ hinzu, eine mies gelaunte Puppe, die den Zuschau­ern vor allem dann Emo­tio­nen ent­lockte, wenn Cha­rak­tere wie der Maul­wurf durch Ent­füh­rung sei­ner Braut oder der Frosch nach Ent­fer­nung des Frosch­schen­kels unter sei­nen Ein­wir­kun­gen zu lei­den hat­ten. Ansons­ten war der Kas­per vor allem für mehr Inter­ak­ti­vi­tät mit den Zuschau­ern ver­ant­wort­lich: Zunächst in Ber­lin und spä­ter an allen Spiel­or­ten wurde eine soge­nannte „Hass­kas­per­box“ auf­ge­stellt, in der Zuschauer des Pro­gramms spä­ter die Puppe über die Hand und in der Anony­mi­tät der Box „so rich­tig schön vom Leder“ zie­hen konn­ten. Die bes­ten Aus­schnitte von vor­he­ri­gen Auf­nah­men wur­den im Pro­gramm zwei Mal auf der Video­lein­wand gezeigt und sorg­ten neben den Pup­pen­spie­len für die meis­ten Lacher am Abend.

Das Publi­kum liebt vor allem die Puppenspiele

Ein ande­rer Pro­gramm­punkt des Abends, der „Pop“ wurde in ers­ter Linie durch musi­ka­li­sche Ein­la­gen Mariks abge­deckt. Als mit einer E‐​Gitarre behäng­ter „Don Mer­ce­des Mop­ped“, unter­stützt vom „Tas­ta­teur Pro­fes­sor Inge“ vari­ier­ten die vor­ge­tra­ge­nen Musik­stü­cke zwi­schen Schla­ger und Deutsch‐​Pop aus Blum­felds schlech­te­ren Tagen. Dann doch lie­ber wie­der zurück zum Pup­pen­spiel, wo der Maul­wurf mit auf­fäl­li­ger Brille und Plas­tik­key­board sei­ner „Barbe“ den Stevie Wonder‐​Klassiker „I just cal­led to say I love you“ vor­trug oder Kalle der Eis­bär einer Plastik-E.T.-Figur mit dem Wunsch „nach Hause zu tele­fo­nie­ren“ nahe­legte, sich mal „gefäl­ligst mal Hem­mun­gen zuzulegen“.

Ein zwei­tes Pro­gramm hat es immer schwer, vor allem wenn der Vor­gän­ger wie eine Bombe ein­ge­schla­gen hat. René Marik hat ver­sucht, beliebte Ele­mente von „Autschn“ nicht ein­fach plump zu wie­der­ho­len, son­dern neue Akzente zu set­zen und das Pup­pen­spiel für Erwach­sene stär­ker im Bewußt­sein der Klein­kunst zu ver­an­kern. Ein Pup­pen­spie­ler allein kann nicht einen gan­zen Abend lang „über Kopf“ spie­len und daher sind andere Ein­la­gen im Pro­gramm not­wen­dig – doch waren da die „Lie­bes­lie­der“, die wäh­rend der „Autschn“-Tour für Abwechs­lung sorg­ten, eher geeig­net, einen roten Faden im Pro­gramm zu fin­den, als die Musik des aktu­el­len Stücks „KasperPop“.

Das Publi­kum liebt René Marik, wenn er das tut, was er am bes­ten kann: Ganz und gar nicht per­fekte Pup­pen mit nur weni­gen, teils offen­sicht­lich von Hand gebas­tel­ten Requi­si­ten in absurde Situa­tio­nen schi­cken. Diese Liebe zum Detail und zu den Pup­pen macht einen gelun­ge­nen Abend aus. Das Kie­ler Publi­kum dankte es mit star­kem Bei­fall, Zuga­ben­wün­schen und einer lan­gen Schlange vor der „Hass­kas­per­box“, die im Foyer auf­ge­stellt wurde. Viel­leicht erfah­ren dann die Flens­bur­ger, Mün­che­ner oder Ber­li­ner, was bei den Kie­lern für Ent­rüs­tung sorgt.

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Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon.

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