// Bühne

Montag, 04. Oktober 2010

Premiere von „Liliom“

Unterschwellige Gefühle und Verzweiflung im Schauspielhaus

Zacharias Preen, © struck-foto
Zacharias Preen, © struck-foto

Mit tosen­dem Applaus und Jubel­ru­fen wurde am Sams­tag, dem 2. Okto­ber, die Pre­miere von „Liliom“ im Schau­spiel­haus gefei­ert. Die Thea­ter­be­su­cher konnte sich über eine gelun­gene Mischung aus Drama, unter­schwel­li­gen Gefüh­len und Komik freuen.

Mit einer rau­hen Erzäh­ler­stimme wurde das Publi­kum in die Welt des Liliom ein­ge­führt, wel­che erst so aus­ge­las­sen, fröh­lich und unbe­schwert daher­kommt, aber schon in den ers­ten Minu­ten in sich zusam­men bricht und das Drama ent­hüllt. Heißt Liebe das man Gefühle zei­gen muss? Viel­leicht nicht für jeden Men­schen, denn Liliom ist kein Mann der vie­len Worte, er kann sich nicht dazu durch­rin­gen der jun­gen Juli seine Gefühle zu offen­ba­ren und so kommt er hart und schla­gend daher. Aber auch Juli kommt ein „Ich liebe dich“ nie über die Lip­pen, sie gibt sich ihrem Hel­den still hin und nör­gelt kein ein­zi­ges Mal an der vor­herr­schen­den Situa­tion herum. Das Ein­zige was Liliom trägt ist sein Pflicht­b­wusst­sein, als sein klei­ner Käfer schwan­ger wird, doch auch hier unter­läuft ihm ein schwer­wie­gen­der Feh­ler. Bei dem Raub auf einen Geld­bo­ten hat er nicht den Mumm alles zu geben und nimmt sich letzt­end­lich aus Scham das Leben. Nun steht er vor Gott und soll bereuen, doch hart und gefühls­kalt wie er ist, kann er nicht ein­mal hier zu sei­nen Gefüh­len ste­hen. Eine letzte Chance erhält er nach 16 Jahre, sein Kind wie­der­zu­se­hen und zu bereuen. Aber auch jetzt bleibt er stur, hart und gewalt­be­reit. So gehen die Lich­ter aus und aus dem einst so fröh­li­chen Jahr­markts­spiel wird ein Sozi­al­drama, das zum nach­den­ken anregt.

Isa­bel Baumert, © struck‐​foto
Die Geschichte Lili­oms ist schnell erzählt, doch die Insze­nie­rung von Dari­usch Yaz­dkhasti hält sich mit vie­len klei­nen Details auf, die das Stück fül­len und ihm sei­nen Cha­rak­ter geben. So ein­fach wie das Büh­nen­bild ist, ein beweg­li­ches Gerüst, wel­ches von zwei Sei­ten ver­wen­det wer­den kann, so glän­zend und prä­sent sind die Schau­spie­ler und geben dem Stück seine Seele.

Vor allem bril­liert ein her­vor­ste­chen­der Zacha­rias Preen als Liliom. Der der Haupt­fi­gur einen so gefühls­kal­ten Touch ver­leiht und den belieb­ten Liliom mit einer Rüpel­haf­tig­keit dar­stellt, dass man letzt­end­lich kein Mit­leid emp­fin­det, son­dern ihm sein Schick­sal gönnt. Ihm gegen­über steht die zarte und unschul­dige Juli, wel­che von Isa­bel Baumert ver­kör­pert wird. Ruhig, ja schon gelas­sen spielt sie den jun­ger Käfer, der sich ohne Reue in den har­ten Kerl vom Jahr­markt ver­liebt und ihm auch nicht zürnt wenn die­ser sie schlägt. Sie taucht ganz in die Rolle der jun­gen, ver­lieb­ten und doch nicht zu Gefühls­äu­ße­run­gen fähi­gen Magd ein, so dass der Zuschauer schon fast ein wenig weh­lei­dig ist, als sie ihrem Gat­ten am Ende alles ver­zeiht, ihre Gefühle äußert und ihrer Toch­ter bestä­tigt, dass man manch­mal einen Schlag bekommt und es gar nicht weh tut. Dies nennt man wahre Liebe.

Aber auch Marko Geb­bert über­zeugt in sei­ner Rolle als Ficsur, wel­cher als cha­ras­ma­ti­scher und schon ein wenig ver­rückt wir­ken­der Dieb daher­kommt. Fri­schen Wind in die Insze­nie­rung bringt immer wie­der Mari, Julis Freun­din, wel­che von Janna Wagen­bach ver­kör­pert wird. Beschwingt, kind­lich und man würde wohl heute sagen hyper­ak­tiv kommt sie daher und ver­brei­tet zu jedem Zeit­punkt gute Laune auf der Bühne, auch wenn sie zum Ende des Stücks ein wenig zur Spie­ße­rin ver­kommt und ihrer Erfül­lung in den gesichts­lo­sen und schlei­mig wir­ken­den Wolf fin­det der von Ima­nuel Humm gespielt wird.

Dane­ben stellt Yvonne Ruprecht eine bemüht sexy wir­kende und hoff­nungs­los an Liliom ver­lo­rene Frau Mus­kat dar. Und auch Rai­ner Jor­dan ist unglaub­lich prä­sent auf der Bühne, als rüs­ti­ger Geld­bote, der sich nicht ohne Wei­te­res von zwei Rauf­bol­den über­fal­len lässt. Ein wenig komö­di­an­tisch und wie aus einer ande­res Welt wirkt Sieg­fried Kris­ten als Got­tes­va­ter, der sich mit sei­nen gol­de­nen, Palm­we­del schwin­gen­den Engeln umgibt.

Ksch. Sieg­fried Kris­ten (oben), Zacha­rias Preen, © struck‐​foto
Die Auf­füh­rung bringt neuen Schwung in das ange­staubte Images des Dra­mas, denn so dra­ma­tisch die Geschichte Lili­oms und Julis auch ist, Dari­usch Yaz­dkhasti hat ihre lus­tige Seite nicht unter­schla­gen Zuge­ge­ben manch­mal geht es auf der Bühne recht thea­tra­lisch zu, wenn zum Bei­spiel Liliom sich mit ein paar Mes­ser­sti­chen hin­rich­tet und das Kunst­blut aus der Fla­sche nur so spritzt. Aber wer ein­mal ein Drama erle­ben möchte, das sei­nen Weg in die Moderne gefun­den hat, sollte „Liliom“ auf kei­nen Fall ver­pas­sen. Ein Sozi­al­drama das zeigt, dass man Hilf­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung auch in ein Stück Humor ein­klei­den kann.

Über den Autor

Anita Siegmund Anita Siegmund

Ste­cken­pferd: Thea­ter­pre­mie­ren, Aus­flug­tipps in Kiel, aber auch alles was sonst noch inter­es­sant ist in Kiel.

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