// Bühne

Mittwoch, 12. November 2008

Kieler Opernhaus

Umjubelte Premiere von "West Side Story"

(von li .nach re.): Sen Acar, Susan Gouthro, Iris Makris, copyright: struck-fotos
(von li .nach re.): Sen Acar, Susan Gouthro, Iris Makris, copyright: struck-fotos

Sie ken­nen die „West Side Story“ nicht? Dann ist Ihnen bis­lang viel­leicht eines der schöns­ten, schwung­volls­ten und dra­ma­tischs­ten Musi­cals ent­gan­gen. Wer Nach­hol­be­darf in Sachen „West Side Story“ hat, kann sich in die­ser Sai­son sel­ber ein Bild machen: Daniel Kara­seks und Marios Schrö­ders schöne Insze­nie­rung des welt­be­rühm­ten Musi­cals fei­erte am Sams­tag im aus­ver­kauf­ten Kie­ler Opern­haus Pre­miere. Das Publi­kum war begeis­tert. Zurecht.

Ver­ges­sen Sie alle eher recht ein­di­men­sio­na­len Dis­ney– und sons­tige neuen Musi­cal­in­sze­nie­run­gen der min­des­tens letz­ten zehn Jahre: Geschenkt. Platt. Über­flüs­sig. Die „West Side Story“ hin­ge­gen ist ein hin­rei­ßen­der Klas­si­ker. Die Musik dazu ist von Leo­nard Bern­stein und bleibt ein­fach uner­reicht. Die gleich­na­mige Ver­fil­mung mit Nata­lie Wood in der Rolle der Maria muss man ein­fach mal gese­hen haben. Und die Kie­ler Inszenierung?

Man kann sagen, in Kiel funk­tio­niert das mit dem „One Hand, One Heart“: Die Insze­nie­rung ist wun­der­bar gelun­gen. Das liegt zum einen natür­lich am Regie­team Karasek/​Schröder. Ver­stand und Gefühl, Thea­ter und Choreo‐​graphie sind hier eine schöne und erfolg­rei­che Ver­bin­dung ein­ge­gan­gen – wohl nicht nur um den stren­gen Vor­ga­ben des Auf­füh­rungs­ver­tra­ges nachzukommen.

Für eine klasse Insze­nie­rung braucht man aber auch ein ent­spre­chen­des Orches­ter, Sän­ger und Sän­ge­rin­nen, Tän­zer und Tän­ze­rin­nen. Denn die „West Side Story“ bie­tet neben der ein­zig­ar­ti­gen Musik und den tol­len Cho­reo­gra­phien eine span­nende Story, in der geliebt, gehasst, getanzt und gefigh­ted wird. Dazu bedarf es musi­ka­li­scher Unterstützung.

Das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter Kiel unter der musi­ka­li­schen Lei­tung von Simon Rekers spielt süd­ame­ri­ka­ni­sche Rhyth­men genauso schmis­sig wie Jazz und Blues und unter­stützt die „emo­tio­na­len Ele­mente“ der bei­den ver­lieb­ten Prot­ago­nis­ten (Maria und Toni) wie sie der Riva­li­tät der Ban­den (Jets und Sharks) musikalisch‐​dynamisch Rech­nung trägt. Da ver­zei­hen wir auch gerne, dass der musi­ka­li­sche Auf­takt des Orches­ters zu Beginn des Spiels einen schmie­rig Big Band­las­ti­gen Ein­druck machte und etwas unein‐​gespielt wirkte. Danach spiel­ten die Kie­ler Musi­ker jeden­falls so wie man es kennt und von der „West Side Story“ erwar­tet: klasse, zackig, flott, aggres­siv, mit Verve und Leidenschaft.

Die „West Side Story“ ist eine Geschichte, die berührt weil sie zu Her­zen geht, aber auch weil sie von ste­ter Aktua­li­tät ist. Die Hand­lung – eine Über­tra­gung von Shake­speare Tra­gö­die „Romea und Julia“ in das New York der 50er Jahre. Dabei spielt sich die Lie­bes­ge­schichte vor dem Hin­ter­grund eines Ban­den­kriegs riva­li­sie­ren­der eth­ni­scher Jugend­ban­den ab: der ame­ri­ka­ni­schen Jets und der puer­to­ri­ca­ni­schen Sharks. Tony (hervor‐​ragender Gesang und Spiel: Chris­tian Alex­an­der Mül­ler), der ein ehe­ma­li­ges Mit­glied der Jets ist, und Maria (eben­falls her­vor­ra­gen­der Gesang und schö­nes stimm­li­ches Tim­bre: Susan Gou­thro), deren Bru­der Ber­nardo Anfüh­rer der Sharks ist, ver­lie­ben sich inein­an­der. Aber ange­sichts der anhal­ten­den Fehde von Sharks und Jets stet die Liebe von Toni und Maria unter kei­nem guten Stern. In Szene gesetzt wird dies alles mit Hilfe von Spiel, Tanz und Gesang und einem tol­len Ensem­ble: Alle Tän­zer beispiels‐​weise sind solis­tisch besetzt, das bedeu­tet sie tan­zen und spre­chen und sin­gen. Das ist über­ra­schend gut gelun­gen, wenn­gleich nicht jeder der spre­chen­den Tän­zer für eine Sprech­rolle gebo­ren ist. Dass das Ensem­ble eigene fremd­sprach­li­che Akzente mit­bringt ist nicht nur von Vor­teil son­dern schafft Authen­ti­zi­tät und Atmo­sphäre und erin­nert das Publi­kum an die heu­tige gemischte Gesell­schaft. Pres­lav Mant­chev als Ber­nardo, der Anfüh­rer der Sharks, und José Mar­ti­nez Grau (Jets‐​Anführer) zum Bei­spiel machen ihre Sache sehr gut: so stellt man sich cool‐​aggressive Ban­den­füh­rer auch vor.

Auch die Beset­zungs­wahl der bei­den Haupt­dar­stel­ler erweist sich als ein Glücks­griff: Der Chem­nit­zer Tenor Chris­tian Alex­an­der Mül­ler debü­tiert in Kiel als Tony. Dass sein künst­le­ri­scher Schwer­punkt auf dem Musi­cal liegt, merkt man an sei­nen Bewe­gun­gen, sei­nem Auf­tritt, sei­ner Spra­che an. Seine ein­drucks­volle Stimme ist mal liebend‐​verzehrend wenn er „Maria“ singt, mal lei­dend, dann jubelnd und zuwei­len Gän­se­haut erre­gend. Aber auch die Opern­sän­ge­rin Susan Gou­thro als Maria macht ihre Sache ordent­lich: gesang­lich klasse, schö­nes Tim­bre. Spre­chend ein biss­chen zu aus­wen­dig gelernt und spie­lend etwas zu steif.

Aber auch die ande­ren Sän­ger und Sän­ge­rin­nen machen ihr Sache sehr gut: Als da wären zum Bei­spiel Carla Seder, die als Anita singt und spielt und zwar genau so wie man es nicht nur von der Rolle erwar­tet: rich­tig gut. Des­glei­chen Iris Makris als Rosalia.

Eher blass insze­niert blei­ben die drei Neben­rol­len der „Erwachsenen“-Figuren: Die Dar­stel­lung von Doc, Krupke und Glad Hand sind ohne rechte Würze gera­ten und wir­ken manch­mal fehl am Platze.

Zum Schluss aber nicht ver­ges­sen: ein posi­ti­ves Lob an Nor­bert Zier­mann (Büh­nen­bild) und Andreas Auer­bach (Kos­tüme), die sich für ein im Grunde genom­men ein­fa­ches aber pas­sen­des und tol­les mobi­les Büh­nen­bild (Zier­mann) und pas­sende Kos­tüme (Auer­bach) ver­ant­wort­lich zei­gen. Auch Ton­tech­nik und Beleuch­tung haben ihren Teil zur stim­mi­gen Insze­nie­rung beigetragen.

Sehr schöne Inszenierung.

Über den Autor

Britta Mißbach Britta Mißbach

Mag Musik, ist viel­sei­tig inter­es­siert, schätzt Humor und Fair Play und wird als eine der letz­ten Opti­mis­tin­nen bezeich­net. Möchte gerne mal die Pan­ame­ri­cana ent­lang­fah­ren. Ihr Motto: Es gibt mehr als man denkt und weni­ger als man glaubt.

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