// Bühne

Freitag, 12. November 2010

Thespis

Starke Themen – fremde Sprachen

Thespis - 7. Internationales Monodrama Festival
Thespis - 7. Internationales Monodrama Festival

Das Mono­dra­ma­fes­ti­val „Thes­pis“ läuft noch bis Sonn­tag­abend. Da es sich um ein inter­na­tio­na­les Fes­ti­val han­delt, kom­men über­wie­gend Stü­cke auf die Bühne, die in ori­gi­na­ler Spra­che gespielt wer­den. Nicht immer ste­hen Unter­ti­tel zur Ver­fü­gung, aber gerade die Erfah­rung, nur durch das Spiel des Schau­spie­lers und durch die Beto­nung, die Melo­die und den Takt der Stimme den Inhalt zu erfas­sen, macht den Reiz die­ses Fes­ti­vals aus. Heute am Frei­tag stan­den Stü­cke in Arme­nisch, „Ophe­lia“ mit Mariam Gha­zan­chyan und auf Fin­nisch, „Ode an die Liebe“ mit Tuukka Vasama, auf dem Plan.

Ophe­lia – so wie sie noch nie gese­hen wurde

Jeder hat schon mal etwas über den Plot von „Ham­let“ von Shake­speare gehört. Unter ande­ren tötet Ham­let, Prinz von Däne­mark, den Vater sei­ner Gelieb­ten „Ophe­lia“. Es war ein Unfall, da Ham­let, wütend auf seine Mut­ter, mit dem Schwert in einen Vor­hang stieß, hin­ter dem sich Polo­nius ver­steckte. Die Hand­lung von „Ophe­lia“ setzt ein, nach­dem sie von die­sen Ereig­nis­sen erfah­ren und ihren Vater zu Grabe getra­gen hatte. Sie kehrt zurück in ihr Haus, in die Schlaf­kam­mer ihres Vaters. Die Bühne ist in Schwarz gehal­ten, nur ein paar Spots, einige weiße Papier­blät­ter lie­gen auf dem Boden, am lin­ken Rand der Bühne hängt ein Bil­der­rah­men. In der Mitte steht ein Bett, auf dem eine in einen schwar­zen Umhang geklei­dete, junge Frau sitzt. Man hört Ras­sel­ge­räu­sche in einem Takt. Lange kein Wort und keine Bewe­gung der Per­son. Und plötz­lich beginnt ein Mono­log. Über die jüngs­ten Ereig­nisse, wie sie im Drama „Ham­let“ beschrie­ben wer­den, diese Ophe­lia weiß ganz genau, was pas­siert ist und trotz­dem hat sie eine sehr große Wut auf ihren Gelieb­ten Hamlet.

Das, was sie wahn­sin­nig macht, ist, dass sie alles ver­lo­ren hat, ihren Gelieb­ten, ihren Vater und damit auch ihre Zukunft. Da ihr Gelieb­ter durch sei­nen ver­meint­li­chen Wahn­sinn als König nicht mehr trag­bar scheint, kann sie keine Köni­gin mehr wer­den. Dazu stellt sie sich die Frage, ob sie noch den Mann lie­ben kann, der ihren Vater auf dem Gewis­sen hat. Sie ist zwi­schen Eupho­rie, die sie noch wenige Momente vor­her erlebt hat, der Trauer, die sie jetzt auf Grund des dop­pel­ten Ver­lus­tes und der Wut über ihre Macht­lo­sig­keit hin– und her­ge­ris­sen. Die Alter­na­tive, in das Klos­ter zu gehen, erwägt sie aus­führ­lich und gegen Ende des Stücks, sym­bo­lisch in weiß geklei­det, ver­lässt Ophe­lia die Bühne. Jeder, der „Ham­let“ kennt, weiß, was als nächs­tes pas­sie­ren wird.

Große Wir­kung mit weni­gen Mit­teln

Mariam Gha­zan­chyan als „Ophe­lia“ – Foto: Thes­pis Festival
Ham­let“ ist eines der bes­ten Dra­men aller Zei­ten. Wahr­schein­lich des­halb, weil alle Cha­rak­tere, bis hin zu den kleins­ten Neben­rol­len, psy­cho­lo­gisch ergrün­det wer­den kön­nen. Alle Aktio­nen der han­deln­den Per­so­nen sind durch ganz spe­zi­fi­sche Motive begrün­det und trotz­dem blei­ben Leer­stel­len zur Inter­pre­ta­tion übrig. Eine die­ser Leer­stel­len sind die Motive Ophe­lias, Selbst­mord zu bege­hen, anstelle ins Klos­ter zu gehen. Diese Motive wer­den im Stück von A. Volo­din plau­si­bel erklärt. Mariam Gha­zan­chyan spielt Ophe­lia mit nur weni­gen Mit­teln. Zen­tral ver­wen­det sie eine Ras­sel, die für viele Gegen­stände sym­bo­lisch ein­ge­setzt wird. Sie stellt Ophe­lia ergrei­fend als ver­zwei­felte, wütende ängst­li­che aber auch beson­nene junge Frau dar, die am Ende eine Ent­schei­dung trifft.

Ode an die Liebe

Der Reiz des Fes­ti­vals „Thes­pis“ liegt in der abso­lut bril­lan­ten Zusam­men­stel­lung der ein­zel­nen Dar­bie­tun­gen. Es ist ein bun­tes Fes­ti­val, das ruhige, pro­gres­sive aber auch tra­di­tio­nelle Stü­cke bie­tet. Ein Bei­spiel dieser

Ode an die Liebe – Foto: KIK
Zusam­men­stel­lung ist nach einem Stück wie „Ophe­lia“ jeman­den wie Tuukka Vasama, der sogar an sei­nem Geburts­tag auf der Bühne stand, auf­tre­ten zu las­sen. Tuukka Vasama steht für sehr pro­gres­si­ves, moder­nes Thea­ter. Als Grund­lage des Stücks „Ode an die Liebe“ diente der gleich­na­mige Gedicht­band von Tuo­mas Timo­nen. Zusam­men mit dem Regis­seur Vih­tori Räma brachte Vasama das Stück als Mono­drama auf die Bühne. Zu Beginn steht schon eine Per­son mit ver­bun­de­nen Augen auf einer Bühne, die sich in der Mitte des Zuschau­er­raums befin­det. Die Bühne ist nur circa 2×2 Meter groß und nur leicht erhöht. Der Rand ist mit Kirsch­blü­ten bedeckt, in einer Ecke liegt ein Korb und in der gegen­über­lie­gen­den Ecke ein Mega­phon. Als sich der Zuschau­er­raum füllt, bewegt sich die Per­son sehr lang­sam im Uhr­zei­ger­sinn. Und wie bei den Fin­nen üblich, wird es laut. Sobald sich die Türen geschlos­sen hat­ten, dröhn­ten Heavymetal‐​Sounds aus Laut­spre­chern und die Per­son beginnt sich in hef­ti­gen Posen zu bewe­gen. Immer wie­der unter­bricht sie ihre Bewe­gun­gen und ver­harrt in einer Art Tableau. Im Laufe der Zeit wird die Musik ruhi­ger, die Bewe­gun­gen aber blei­ben hef­tig. Noch bevor die Musik ver­stummt, beginnt die Per­son die ers­ten Zei­len der Gedichte zu spre­chen. Die Bewe­gun­gen der Per­son sind extrem, gera­dezu an der Grenze des Mög­li­chen, unter­strei­chen aber den gespro­che­nen Text nicht. Viel mehr kari­kie­ren sie das Gesagte. Sie ver­deut­li­chen aber die Ach­ter­bahn­fahrt, die ein Mann durch macht, wenn er ver­liebt ist. So zumin­dest wird das Stück durch die Macher beschrie­ben. Die Texte geben dies auch wie­der, sie han­deln von einem Gefühls­chaos, von irra­tio­na­len Ängs­ten, Wün­schen und Träumen.

In einer wei­te­ren Pas­sage beschreibt der Text all­täg­li­che Kon­flikte zwi­schen Pär­chen. Dabei zeigt die Per­son zunächst auf eine Per­son und danach auf eine wei­tere und zitiert Sätze wie „Do you think he enjoys the chat­te­ring of your fri­ends?“ Durch die mit­tige Posi­tion der Bühne wird der Zuschauer extrem in die Hand­lung des Stücks gezo­gen. Zuwei­len meint man, selbst wenn man nur in der zwei­ten Reihe sitzt, bedroh­lich nah am Gesche­hen zu sein.

Extrem aber …

Extreme Tableaus bei „Ode an die Liebe“ – Foto: KIK
Ode an die Liebe“ rockt in der Tat, so wie es Jens Raschke, Fes­ti­val Dra­ma­turg, ange­kün­digt hatte. Das Stück wird durch den star­ken, extre­men, bewun­derns­wer­ten Kör­per­ein­satz von Tuukka Vasama getra­gen. Aber am Ende bleibt wenig übrig, das die­sen Ein­satz gerecht­fer­tigt hat. Hier stellt sich die Frage, ob die­ses Stück im ori­gi­na­ler Spra­che wirk­lich bei einem Publi­kum funk­tio­niert, das diese Spra­che nicht ver­steht. Obwohl Unter­ti­tel vor­han­den waren, die­sen konnte man nur dann fol­gen, wenn man den Blick von der Bühne genom­men hat, damit war aber wie­der die Aktion nicht mehr zu erken­nen. Es gab also ent­we­der eine groß­ar­tige Dar­bie­tung oder groß­ar­tige Poe­sie. Auch funk­tio­nierte der Witz, der zwei­fels­ohne vor­han­den ist, nicht für Men­schen, die das fin­ni­sche Wort hören, das eng­li­sche Wort lesen und ver­ste­hen muss­ten und gleich­zei­tige diese Infor­ma­tio­nen mit der Per­for­mance auf der Bühne ver­knüp­fen muss­ten. Am Ende stand der Genuss einem Schau­spie­ler zuse­hen zu dür­fen, der genau wusste, wie er seine Gefühle dar­stel­len musste, der eine wun­der­schöne Spra­che lebte, die durch das rol­lende R eine Melo­die hat, die ein­zig­ar­tig ist. Lei­der blieb aber so die Poe­sie auf der Strecke.

Wie geht es wei­ter?

Matthew Zajac in „Schnei­der von Inver­ness“ – Foto: Thes­pis Festival
An die­ser Stelle muss dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass der Höhe­punkt die­ses Fes­ti­vals am Sonn­tag statt­fin­det. Eine Reise quer durch Europa, von Polen nach Schott­land. Nur ein Mann stellt auf der Bühne die Geschichte eines pol­ni­schen Schnei­ders dar, der durch die Wir­ren und schreck­li­chen Ereig­nisse im Europa des 2. Welt­kriegs eine Odys­see durch­le­ben muss. Von den Sowjets ver­schleppt, nach dem Ein­marsch der Wehr­macht in der Sowjet­union ent­las­sen führt ihn sein Weg über Per­sien nach Ägyp­ten. In der bri­ti­schen Armee gelangt die­ser Mann nach Ita­lien, um nach dem Krieg in Schott­land wie­der Fuß zu fas­sen. Matthew Zajac in „Der Schnei­der von Inver­ness“ ist ein ein­drucks­vol­les Stück über durch­aus typi­sche Bio­gra­fien von Flücht­lin­gen aus Polen gelun­gen. Unter vie­len ande­ren Prei­sen hat „Der Schnei­der von Inver­ness“ den „Scots­man Fringe Award“ gewon­nen, was ein ein­deu­ti­ges Zei­chen für Qua­li­tät ist. Am Sonn­tag um 19:30 Uhr wird die­ses Stück als Finale auf der gro­ßen Bühne im Schau­spiel­haus in eng­li­scher und pol­ni­scher Spra­che auf­ge­führt. Es sind noch Kar­ten erhältlich.

Über den Autor

Christoph Krenz Christoph Krenz

Foto­graf – Reporter

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