Sonntag, 26. Oktober 2008
Tomte im Radiozentrum Kiel„Als wir das letzte Mal hier spielten, war der Applaus aber lauter“. Diese gespielt nörgelnden Worte von Sänger Thees Uhlmann eröffnen um kurz nach 19 Uhr den Abend. Allen 200 Gästen, die sich nach kurzen Abstimmungsschwierigkeitn letztlich darauf verständigen, dem anstehenden Konzert im Sitzen beizuwohnen, ist die Vorfreude auf die folgenden 75 Minuten ins Gesicht geschrieben.
Sicherlich sind Tomte‐Konzerte im Norden dieser Tage alles andere als eine Seltenheit, spielte die Berliner Band doch in den vergangenen Wochen zuhauf in der einstigen Heimat Hamburg: Zur Single‐Veröffenlichung von „Der letzte große Wal“ spielten Uhlmann & Co. – wie passend – für lau auf dem Hamburger Fischmarkt, drei Wochen später zur Album‐Veröffentlichung von „Heureka“ dann – noch viel passender – in einem leergeräumten Lagerraum des Media Markts Altona. Die vielen Promo‐Auftritte, aber in erster Linie natürlich ihr Pathos‐getränkter Indiepop, katapultierten die Combo dann auch tatsächlich auf Platz 9 der deutschen Album‐Charts. Châpeau Tomte!
Dieses Konzert im kleinsten Rahmen im Funkhaus Wittland aber ist etwas anderes. Nicht nur, weil es statt der sonst 1000 bis 2000 Besucher nur 200 sind. Nicht nur, weil man das Gefühl hat, es hätten bei delta radio diesmal grundsätzlich nur „die Guten“ gewonnen – die Menschen, die wegen Tomte beim Sender anriefen und nicht wegen des Gewinnenwollens. Denn passend zur intimen Atmosphäre in der an diesem Abend auch optisch Wärme ausstrahlenden, obwohl bei Tageslicht eher kühl wirkenden Empfangshalle des Radiozentrums spielen Tomte ein Akustik‐Set. „Unplugged“, wie man seit den Hochzeiten des längst zu Grabe getragenen Musikfernsehens so schön sagt.
Leider fehlt mit Gunnar Vosgröne das inoffizielle sechste Bandmitglied, weil der Tomte‐Akustik‐Cellist mit seiner Hardcore‐Combo Escapado gleichzeitig auf Tour ist. Doch auch zu fünft schütteln Thees Uhlmann (Gesang, Gitarre), Dennis Becker (Gitarre, Rotwein), Max Martin Schröder (Schlagzeug), Nikolai Potthoff (Bass) und Simon Frontzek (Keyboard, nein… Piano) ein bezauberndes Set aus dem Indierock‐Ärmel. Gerade solch Radiohits wie „Schreit den Namen meiner Mutter“ oder „Ich sang die ganze Zeit von Dir“ entfalten sich im neuen, ruhigeren Gewand gleich noch viel mehr und erzeugen selbst bei Tomtekonzert‐Stammbesuchern Gänse auf der Haut. Den Schwerpunkt legt die Band – wie soll es auch anders sein – auf das letzte Chartbreaker‐Album „Buchstaben über der Stadt“ sowie auf die neuen Songs. Egal ob die neue Single „Heureka“, das im Akustikoutfit in der Tat ein wenig an LedZeps „Stairway To Heaven“ erinnernde „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören“ oder aber das bezaubernde „Das Orchester spielt einen Walzer“: Die neuen Lieder werden trotz des frischen Alters von gerade einmal 14 Tagen („Heureka“ erschien am 10. Oktober) bereits brav mitgesungen.
Dass diesem Konzert aber irgendein spezieller Zauber beiwohnt, liegt nicht nur an der Instrumentierung und erst recht nicht an der Songauswahl, bei der besonders die „alten“ Fans einige Tomte‐Klassiker vermissen. In erster Linie liegt es an der unglaublich guten Laune aller fünf Bandmitglieder. Ist man dies von Thees Uhlmann schon seit Jahren kaum anders gewöhnt, so ist durch die Hereinname seines Kumpels Simon Frontzek ins Bandgefüge als gewissermaßen sein „Side‐Kick“ endgültig Hopfen, Malz und Rotwein verloren. Die Diskrepanz zwischen den ernsten, oft melancholischen Liedern und dem teils gaga‐esquen „Rahmenprogramm“ ist schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Doch wer sich hierauf einlassen kann, erlebt auf Tomte‐Konzerten die schönsten, absurdesten Momente. So beispielsweise, als die Band einen eigenen kleinen Kiel‐Song improvisiert – mitsamt der Nennung von Aurette, Tucholsky und einem „Mettenhof“-Chorus. Thees Uhlmann macht keinen Hehl aus seiner Kiel‐Affinität, immerhin spielt er ja mittlerweile traditionell ein vorweihnachtliches Solokonzert im Subrosa bei seinem Kumpel Kocky. Und wenn der Tomte‐Sänger sich mit der schleswig‐holsteinischen Landeshauptstadt gleichsetzt, indem er „wir sind zwar nicht die coolsten, aber wir haben ein reines Herz“ sinniert, so nimmt man es dem Familienvater gerne ab.
75 grandiose Minuten vergehen so im Fluge, und wenn Uhlmann das Konzert im letzten Lied „Geigen bei Wonderful World“ mit der Zeile „durch das schönste aller Leben mit den schönsten Songs der Welt“ abschließt, ist die wundervolle Welt selbst ohne Streichinstrumente endgültig wieder in Ordnung. Dass man danach noch die Chance bekommt, sich seine CD‐Cover, Telefonrechnungen oder Exmatrikulationsschreiben der Uni mit Autogrammen aller Bandmitglieder verschönern zu lassen, versteht sich dann auch von selbst. So bleibt letztlich nur die Hoffnung, dass Tomte nicht wieder zweieinhalb Jahre für ein neues Album brauchen – allein schon, damit sie wieder einmal im Radiozentrum Kiel die Zeit stillstehen lassen.
Moin Sascha,
da hast Du aber einen ganz großartigen Artikel über ein besonders schönes Konzert verfasst! Daumen hoch!!!
Dienstag, 28. Oktober 2008, 10:16 Uhr
Tomte ist sooo genial!
Dienstag, 25. November 2008, 20:54 Uhr
Tomte ist sooo genial!
Dienstag, 25. November 2008, 20:55 Uhr
Tomte ist sooo genial!
Dienstag, 25. November 2008, 20:55 Uhr
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Sehr schön geschrieben. Da hab ich wohl was verpasst
Sonntag, 26. Oktober 2008, 22:23 Uhr