// Konzertreview

Sonntag, 26. Oktober 2008

Tomte im Radiozentrum Kiel

Mit den schönsten Songs der Welt

Foto: Karsten Bahnsen, hinterm-deich.net
Foto: Karsten Bahnsen, hinterm-deich.net

Am Frei­tag­abend war die Ber­li­ner Band Tomte im Radio­zen­trum Kiel zu Gast. Für rund 200 glück­li­che Kar­ten­ge­win­ner, die ihre Tickets zuvor auf delta radio ergat­tern muss­ten, spielte das Quin­tett ein bezau­bern­des Akus­tik­set, das keine Wün­sche offen ließ.

­„Als wir das letzte Mal hier spiel­ten, war der Applaus aber lau­ter“. Diese gespielt nörge­lnden Worte von Sän­ger Thees Uhl­mann eröff­nen um kurz nach 19 Uhr den Abend. Allen 200 Gäs­ten, die sich nach kur­zen Abstim­mungs­schwie­rig­keitn letzt­lich dar­auf ver­stän­di­gen, dem anste­hen­den Kon­zert im Sit­zen bei­zu­woh­nen, ist die Vor­freude auf die fol­gen­den 75 Minu­ten ins Gesicht geschrieben.

Sicher­lich sind Tomte‐​Konzerte im Nor­den die­ser Tage alles andere als eine Sel­ten­heit, spielte die Ber­li­ner Band doch in den ver­gan­ge­nen Wochen zuhauf in der eins­ti­gen Hei­mat Ham­burg: Zur Single‐​Veröffenlichung von „Der letzte große Wal“ spiel­ten Uhl­mann & Co. – wie pas­send – für lau auf dem Ham­bur­ger Fisch­markt, drei Wochen spä­ter zur Album‐​Veröffentlichung von „Heu­reka“ dann – noch viel pas­sen­der – in einem leer­ge­räum­ten Lager­raum des Media Markts Altona. Die vie­len Promo‐​Auftritte, aber in ers­ter Linie natür­lich ihr Pathos‐​getränkter Indie­pop, kata­pul­tier­ten die Combo dann auch tat­säch­lich auf Platz 9 der deut­schen Album‐​Charts. Châpeau Tomte!

Foto: Kars­ten Bahn­sen, hin​term​-deich​.net

Die­ses Kon­zert im kleins­ten Rah­men im Funk­haus Witt­land aber ist etwas ande­res. Nicht nur, weil es statt der sonst 1000 bis 2000 Besu­cher nur 200 sind. Nicht nur, weil man das Gefühl hat, es hät­ten bei delta radio dies­mal grund­sätz­lich nur „die Guten“ gewon­nen – die Men­schen, die wegen Tomte beim Sen­der anrie­fen und nicht wegen des Gewin­nen­wol­lens. Denn pas­send zur inti­men Atmo­sphäre in der an die­sem Abend auch optisch Wärme aus­strah­len­den, obwohl bei Tages­licht eher kühl wir­ken­den Emp­fangs­halle des Radio­zen­trums spie­len Tomte ein Akustik‐​Set. „Unplug­ged“, wie man seit den Hoch­zei­ten des längst zu Grabe getra­ge­nen Musik­fern­se­hens so schön sagt.

Lei­der fehlt mit Gun­nar Vos­gröne das inof­fi­zi­elle sechste Band­mit­glied, weil der Tomte‐​Akustik‐​Cellist mit sei­ner Hardcore‐​Combo Esca­pado gleich­zei­tig auf Tour ist. Doch auch zu fünft schüt­teln Thees Uhl­mann (Gesang, Gitarre), Den­nis Becker (Gitarre, Rot­wein), Max Mar­tin Schrö­der (Schlag­zeug), Niko­lai Pott­hoff (Bass) und Simon Front­zek (Key­board, nein… Piano) ein bezau­bern­des Set aus dem Indierock‐​Ärmel. Gerade solch Radio­hits wie „Schreit den Namen mei­ner Mut­ter“ oder „Ich sang die ganze Zeit von Dir“ ent­fal­ten sich im neuen, ruhi­ge­ren Gewand gleich noch viel mehr und erzeu­gen selbst bei Tomtekonzert‐​Stammbesuchern Gänse auf der Haut. Den Schwer­punkt legt die Band – wie soll es auch anders sein – auf das letzte Chartbreaker‐​Album „Buch­sta­ben über der Stadt“ sowie auf die neuen Songs. Egal ob die neue Sin­gle „Heu­reka“, das im Akus­tik­out­fit in der Tat ein wenig an Led­Zeps „Stair­way To Hea­ven“ erin­nernde „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrun­ken trau­rige Musik zu hören“ oder aber das bezau­bernde „Das Orches­ter spielt einen Wal­zer“: Die neuen Lie­der wer­den trotz des fri­schen Alters von gerade ein­mal 14 Tagen („Heu­reka“ erschien am 10. Okto­ber) bereits brav mitgesungen.

Foto: Kars­ten Bahn­sen, hin​term​-deich​.net

Dass die­sem Kon­zert aber irgend­ein spe­zi­el­ler Zau­ber bei­wohnt, liegt nicht nur an der Instru­men­tie­rung und erst recht nicht an der Songaus­wahl, bei der beson­ders die „alten“ Fans einige Tomte‐​Klassiker ver­mis­sen. In ers­ter Linie liegt es an der unglaub­lich guten Laune aller fünf Band­mit­glie­der. Ist man dies von Thees Uhl­mann schon seit Jah­ren kaum anders gewöhnt, so ist durch die Her­ein­name sei­nes Kum­pels Simon Front­zek ins Band­ge­füge als gewis­ser­ma­ßen sein „Side‐​Kick“ end­gül­tig Hop­fen, Malz und Rot­wein ver­lo­ren. Die Dis­kre­panz zwi­schen den erns­ten, oft melan­cho­li­schen Lie­dern und dem teils gaga‐​esquen „Rah­men­pro­gramm“ ist schon ein wenig gewöh­nungs­be­dürf­tig. Doch wer sich hier­auf ein­las­sen kann, erlebt auf Tomte‐​Konzerten die schöns­ten, absur­des­ten Momente. So bei­spiels­weise, als die Band einen eige­nen klei­nen Kiel‐​Song impro­vi­siert – mit­samt der Nen­nung von Aurette, Tucholsky und einem „Mettenhof“-Chorus. Thees Uhl­mann macht kei­nen Hehl aus sei­ner Kiel‐​Affinität, immer­hin spielt er ja mitt­ler­weile tra­di­tio­nell ein vor­weih­nacht­li­ches Solo­kon­zert im Sub­rosa bei sei­nem Kum­pel Kocky. Und wenn der Tomte‐​Sänger sich mit der schleswig‐​holsteinischen Lan­des­haupt­stadt gleich­setzt, indem er „wir sind zwar nicht die cools­ten, aber wir haben ein rei­nes Herz“ sin­niert, so nimmt man es dem Fami­li­en­va­ter gerne ab.

75 gran­diose Minu­ten ver­ge­hen so im Fluge, und wenn Uhl­mann das Kon­zert im letz­ten Lied „Gei­gen bei Won­der­ful World“ mit der Zeile „durch das schönste aller Leben mit den schöns­ten Songs der Welt“ abschließt, ist die wun­der­volle Welt selbst ohne Streich­in­stru­mente end­gül­tig wie­der in Ord­nung. Dass man danach noch die Chance bekommt, sich seine CD‐​Cover, Tele­fon­rech­nun­gen oder Exma­tri­ku­la­ti­ons­schrei­ben der Uni mit Auto­gram­men aller Band­mit­glie­der ver­schö­nern zu las­sen, ver­steht sich dann auch von selbst. So bleibt letzt­lich nur die Hoff­nung, dass Tomte nicht wie­der zwei­ein­halb Jahre für ein neues Album brau­chen – allein schon, damit sie wie­der ein­mal im Radio­zen­trum Kiel die Zeit still­ste­hen lassen.

Über den Autor

Sascha Krokowski Sascha Krokowski

Handball‐​Fan :: Musik­freak :: Zweck­pes­si­mist :: stil­ler Bes­ser­wis­ser :: chro­nisch pleite :: über­zeugt von der Echt‐​Reunion 2010 :: Rivella‐​süchtig

Kommentare


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daniela's Avatar

user icon  daniela:

Sehr schön geschrie­ben. Da hab ich wohl was ver­passt icon_wink

Sonntag, 26. Oktober 2008, 22:23


user icon  Jeanine: »Großartig«

Moin Sascha,

da hast Du aber einen ganz groß­ar­ti­gen Arti­kel über ein beson­ders schö­nes Kon­zert ver­fasst! Dau­men hoch!!!

Dienstag, 28. Oktober 2008, 10:16


user icon  Thomas: »YEAR!!!«

Tomte ist sooo genial!

Dienstag, 25. November 2008, 20:54


user icon  Thomas: »YEAR!!!«

Tomte ist sooo genial!

Dienstag, 25. November 2008, 20:55


user icon  Thomas: »YEAR!!!«

Tomte ist sooo genial!

Dienstag, 25. November 2008, 20:55


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