Freitag, 02. Juli 2010
Billy Talent im Kieler MAXEs soll tatsächlich noch Menschen geben, die Billy Talent nicht kennen. Dahinter verbirgt sich nicht etwa der neue Künstlername des Tokio‐Hotel‐Sängers, aber ganz so weit entfernt ist man im Musik‐Kosmos schon nicht mehr. Billy Talent ist eine vierköpfige Alternative‐Rock‐Combo aus Kanada und gilt gemeinhin als zweite Stufe der musikalischen Fortbildung für die Kids, die es so langsam satt sind, durch den Monsun, hinter die Welt, ans Ende der Zeit, gegen den Sturm und am Abgrund entlang zu gehen. Die Band um Shouter Benjamin Kowalewicz jetzt als Teen‐Idol‐Emo‐Superband abzustempeln, käme ihr aber auch nicht gerecht. Denn zweifelsohne schreibt die Band einfach unheimlich „catchy“ Lieder, deren Melodien trotz zackiger Punkgitarren und metal‐esquem Hintergrundgesang eben ganz groß „POP“ verkünden.
Dementsprechend breit gefächert ist dann am Mittwoch doch das Publikum im „Pumakäfig“ MAX: Glücklich schätzen sich diejenigen, die eine Karte ergattern konnten, denn der kurzfristig anberaumte Auftritt des Quartetts, das einfach zwischen Festivalauftritten und Shows als Support von Green Day noch Raum für einige Clubshows hatte, war nach nur vier Tagen ausverkauft. Noch glücklicher sind da nur noch diejenigen, die eine Karte zu viel ergatterten und bei Ebay den großen Reibach machen konnten. Bereits gegen 14.00 Uhr – also gleich nach Schulschluss – machen es sich die ersten, treuesten, größten Fans vor dem MAX gemütlich und halten ein Picknick ab. Zum Einlass fünf Stunden später reicht die Menschenschlange bereits bis zur JET‐Tankstelle 250 Meter weiter.
Drinnen im MAX ist es schon bald unerträglich heiß. Doch gerade den jungen Fans in den ersten Reihen macht es kaum was aus. Das Konzert von Billy Talent ist für sie der inoffizielle, krönende Abschluss der Kieler Woche, nach zehn Tagen Ausnahme‐Feierzustand an der Förde gibt es für sie nun auch endlich mal gute Livemusik – denn Silbermond ging ja selbst schon zu Tokio‐Hotel‐Zeiten gar nicht. Die Vorfreude und Aufregung steigt vierminütlich mit jedem neuen Stück, mit dem DJ Fanski der Menge einheizt.
Um 20.30 Uhr ist es dann endlich soweit: Unter riesigem Jubel betreten Billy Talent die Bühne und starten gleich mit dem Klassiker „Line & Sinker“ von ihrem selbstbetitelten Debütalbum durch. Die Kreischstimme Kowalewicz‘ wirkt live ein wenig dünner, doch die rund 1.000 Kieler Fans unterstützen ihn von Beginn an tatkräftig. Es vergeht in den folgenden neunzig Minuten kaum ein Lied, in dem nicht mitgeklatscht werden und das Publikum nicht die „Catch‐Phrases“ des Chorus ganz alleine singen darf. Ziemlich abgeklärt, schon fast Stadionrock‐esque kommen Billy Talent daher und biedern sich auch wie die Großen bei den völlig verschwitzten Fans an. Sie seien ja Kanadier, doch bei der WM würden sie natürlich dem deutschen Team die Daumen drücken. Woher wissen Kanadier eigentlich, was Fußball ist?
Billy Talent werden gefeiert, jedes Lied wird nach dem ersten Riff erkannt und dementsprechend bejubelt. Ob „River Below“, „Devil In A Midnight Mass“ oder ihre allererste Single „Try Honesty“ – ein Hit reiht sich an den nächsten. Natürlich kommt der Band dabei zugute, dass sich ihre Songs stilistisch nicht sonderlich unterscheiden. Oder mit anderen Worten: Magst du einen, magst du alle. Und: Überraschend friedlich geht es zu in der Sauna MAX, bei der Hitze verzichten selbst die ersten Reihen auf übermäßigen Pogo. Dennoch herrscht bereits nach zwanzig Minuten reger Durchgangsverkehr: Immer wieder verabschieden sich völlig durchnässte Fans für zwei oder drei Songs, um draußen bei angenehmer Luft ebensolche zu schnappen, ehe es wieder zurück in die Menge geht.
Um kurz nach 22.00 Uhr ist dann endgültig Schluss. Völlig verausgabt strömen euphorisierte Billy‐Talent‐Fans nach draußen – oder zumindest zum Merchandise‐Stand. In den nächsten Monaten werden besonders die jüngeren unter ihnen all ihren Freunden erzählen, beim heißesten und besten Konzert aller Zeiten dabei gewesen zu sein. Aber ob sie sich auch in fünf Jahren noch dran erinnern können?