// Konzertreview

Freitag, 02. Juli 2010

Billy Talent im Kieler MAX

Heißer Scheiß

Benjamin Kowalewicz (Fotos: alko).
Benjamin Kowalewicz (Fotos: alko).

Ange­sichts von geschätz­ten 500 Kon­zer­ten pro Jahr in der Lan­des­haupt­stadt muss man natür­lich mit Super­la­ti­ven vor­sich­tig umge­hen. Den Auf­tritt von Billy Talent am Mitt­woch, den 30. Juni im hoff­nungs­los über­füll­ten MAX darf man aber getrost jetzt schon – komme, was da noch wolle – als „hei­ßes­tes Kon­zert des Jah­res 2010“ titulieren.

Es soll tat­säch­lich noch Men­schen geben, die Billy Talent nicht ken­nen. Dahin­ter ver­birgt sich nicht etwa der neue Künst­ler­name des Tokio‐​Hotel‐​Sängers, aber ganz so weit ent­fernt ist man im Musik‐​Kosmos schon nicht mehr. Billy Talent ist eine vier­köp­fige Alternative‐​Rock‐​Combo aus Kanada und gilt gemein­hin als zweite Stufe der musi­ka­li­schen Fort­bil­dung für die Kids, die es so lang­sam satt sind, durch den Mon­sun, hin­ter di­e Welt, ans Ende der Zeit, gegen den Sturm und am Abgrund ent­lang zu gehen. Die Band um Shou­ter Ben­ja­min Kowa­le­wicz jetzt als Teen‐​Idol‐​Emo‐​Superband abzu­stem­peln, käme ihr aber auch nicht gerecht. Denn zwei­fels­ohne schreibt die Band ein­fach unheim­lich „catchy“ Lie­der, deren Melo­dien trotz zacki­ger Punk­gi­tar­ren und metal‐​esquem Hin­ter­grund­ge­sang eben ganz groß „POP“ verkünden.

Jona­than Gallant.

Anste­hen ab 14.00 Uhr

Dem­ent­spre­chend breit gefä­chert ist dann am Mitt­woch doch das Publi­kum im „Pum­a­kä­fig“ MAX: Glück­lich schät­zen sich die­je­ni­gen, die eine Karte ergat­tern konn­ten, denn der kurz­fris­tig anbe­raumte Auf­tritt des Quar­tetts, das ein­fach zwi­schen Fes­ti­val­auf­trit­ten und Shows als Sup­port von Green Day noch Raum für einige Club­shows hatte, war nach nur vier Tagen aus­ver­kauft. Noch glück­li­cher sind da nur noch die­je­ni­gen, die eine Karte zu viel ergat­ter­ten und bei Ebay den gro­ßen Rei­bach machen konn­ten. Bereits gegen 14.00 Uhr – also gleich nach Schul­schluss – machen es sich die ers­ten, treu­es­ten, größ­ten Fans vor dem MAX gemüt­lich und hal­ten ein Pick­nick ab. Zum Ein­lass fünf Stun­den spä­ter reicht die Men­schen­schlange bereits bis zur JET‐​Tankstelle 250 Meter weiter.

Drin­nen im MAX ist es schon bald uner­träg­lich heiß. Doch gerade den jun­gen Fans in den ers­ten Rei­hen macht es kaum was aus. Das Kon­zert von Billy Talent ist für sie der inof­fi­zi­elle, krö­nende Abschluss der Kie­ler Woche, nach zehn Tagen Ausnahme‐​Feierzustand an der Förde gibt es für sie nun auch end­lich mal gute Live­mu­sik – denn Sil­ber­mond ging ja selbst schon zu Tokio‐​Hotel‐​Zeiten gar nicht. Die Vor­freude und Auf­re­gung steigt vier­mi­nüt­lich mit jedem neuen Stück, mit dem DJ Fan­ski der Menge einheizt.

Ben­ja­min Kowalewicz.

Sta­di­onrock im MAX

Um 20.30 Uhr ist es dann end­lich soweit: Unter rie­si­gem Jubel betre­ten Billy Talent die Bühne und star­ten gleich mit dem Klas­si­ker „Line & Sin­ker“ von ihrem selbst­be­ti­tel­ten Debüt­al­bum durch. Die Kreisch­stimme Kowa­le­wicz‘ wirkt live ein wenig dün­ner, doch die rund 1.000 Kie­ler Fans unter­stüt­zen ihn von Beginn an tat­kräf­tig. Es ver­geht in den fol­gen­den neun­zig Minu­ten kaum ein Lied, in dem nicht mit­ge­klatscht wer­den und das Publi­kum nicht die „Catch‐​Phrases“ des Cho­rus ganz alleine sin­gen darf. Ziem­lich abge­klärt, schon fast Stadionrock‐​esque kom­men Billy Talent daher und bie­dern sich auch wie die Gro­ßen bei den völ­lig ver­schwitz­ten Fans an. Sie seien ja Kana­dier, doch bei der WM wür­den sie natür­lich dem deut­schen Team die Dau­men drü­cken. Woher wis­sen Kana­dier eigent­lich, was Fuß­ball ist?

Ben­ja­min Kowalewicz.

Billy Talent wer­den gefei­ert, jedes Lied wird nach dem ers­ten Riff erkannt und dem­ent­spre­chend beju­belt. Ob „River Below“, „Devil In A Mid­night Mass“ oder ihre aller­erste Sin­gle „Try Honesty“ – ein Hit reiht sich an den nächs­ten. Natür­lich kommt der Band dabei zugute, dass sich ihre Songs sti­lis­tisch nicht son­der­lich unter­schei­den. Oder mit ande­ren Wor­ten: Magst du einen, magst du alle. Und: Über­ra­schend fried­lich geht es zu in der Sauna MAX, bei der Hitze ver­zich­ten selbst die ers­ten Rei­hen auf über­mä­ßi­gen Pogo. Den­noch herrscht bereits nach zwan­zig Minu­ten reger Durch­gangs­ver­kehr: Immer wie­der ver­ab­schie­den sich völ­lig durch­nässte Fans für zwei oder drei Songs, um drau­ßen bei ange­neh­mer Luft eben­sol­che zu schnap­pen, ehe es wie­der zurück in die Menge geht.

Um kurz nach 22.00 Uhr ist dann end­gül­tig Schluss. Völ­lig ver­aus­gabt strö­men eupho­ri­sierte Billy‐​Talent‐​Fans nach drau­ßen – oder zumin­dest zum Merchandise‐​Stand. In den nächs­ten Mona­ten wer­den beson­ders die jün­ge­ren unter ihnen all ihren Freun­den erzäh­len, beim hei­ßes­ten und bes­ten Kon­zert aller Zei­ten dabei gewe­sen zu sein. Aber ob sie sich auch in fünf Jah­ren noch dran erin­nern können?

Fotos

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Über den Autor

Sascha Krokowski Sascha Krokowski

Handball‐​Fan :: Musik­freak :: Zweck­pes­si­mist :: stil­ler Bes­ser­wis­ser :: chro­nisch pleite :: über­zeugt von der Echt‐​Reunion 2010 :: Rivella‐​süchtig

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