// Bühne

Montag, 15. November 2010

Thespis

Festival feiert die Preisträger

Der Schneider von Inverness - Foto: KIK
Der Schneider von Inverness - Foto: KIK

Der letzte Tag des 7. inter­na­tio­na­len Mono­drama Fes­ti­vals fand im Schau­spiel­haus statt. Als letz­tes Stück kam „Der Schnei­der von Inver­ness“, ein ein­drucks­vol­les Stück über eine mit­un­ter typi­sche Bio­gra­fie eines Polen im zwei­ten Welt­krieg. Diese Geschichte führte uns quer durch Europa und hatte trotz­dem ein über­ra­schen­des Ende. Im Anschluss wur­den die bes­ten Stü­cke aus der Sicht der Jury prä­miert. Zwei spe­zi­elle Aner­ken­nun­gen wur­den an Daniel Lud­wig für „Moham­med is biking“ und an Viviana Souza Com­pa­gnoni für „Lulú“ ver­ge­ben. Der zweite Platz ging an David Cal­vitto für „The Event“ und zwei erste Plätze wur­den an Tuukka Vasama für „Ode an die Liebe“ und an Gabriela Muskala für „Die Reise nach Bue­nos Aires“ vergeben.

Der Schnei­der von Inverness

Anders als bei den bis­he­ri­gen Stü­cken ist das Büh­nen­bild beim Stück „Der Schnei­der von Inver­ness“ deut­lich rei­cher. Der Hin­ter­grund besteht aus einer Wand mit vie­len grauen Klei­dungs­stü­cken, auf der lin­ken Seite steht ein Arbeits­tisch, in der Mitte ein Klei­der­stän­der und auf der rech­ten Seite eine Klei­der­puppe. Schon beim Ein­lass sind im Zuschau­er­raum Geräu­sche von Sche­ren, Näh­ma­schi­nen und zer­rei­ßen­den Stof­fen zu hören. Als Mett­hew Zajac auf die Bühne tritt, kommt auch ein Gei­ger, Gavin Mar­wick, auf die Bühne. Die­ser dient aber nur als eine Art Sound­track für das Stück.

Mit zwei Per­so­nen, Vater und Sohn, die von Wöl­fen gejagt wer­den, wird das Stück direkt begon­nen. Und sogleich wird diese Szene auch schon wie­der unter­bro­chen und wir ler­nen einen älte­ren Mann, der ein Eng­lisch mit einem schottisch‐​polnischen Akzent spricht und völ­lig begeis­tert über seine Ver­gan­gen­heit in Schott­land spricht, ken­nen. Durch sein Enga­ge­ment und durch glück­li­che Fügung konnte er ein klei­nes, aber erfolg­rei­ches Unter­neh­men grün­den. In seine Erzäh­lung fügen sich immer wie­der kurze Ver­satz­stü­cke aus dem Krieg. Wei­ter erzählt der Schnei­der, dass er eine glück­li­che Kind­heit hatte, obwohl die Schat­ten des 1. Welt­kriegs noch über dem Dorf des Schnei­ders lagen. Beim Über­fall der Deut­schen auf Polen trat er der pol­ni­schen Armee bei, aber wurde, nach­dem auch die Sowjet­union Polen eroberte, in die Sowjet­union nach Usbe­kis­tan ver­schleppt. Spä­ter konnte der Schnei­der über Per­sien, Ägyp­ten und Ita­lien, zu die­ser Zeit wie­der in der pol­ni­schen Exil Armee, nach Schott­land gelan­gen und den Krieg über­le­ben. Mehr gäbe es für ihn nicht zu erzählen.

Das Stück wird durch zwei kleine Epi­so­den unter­bro­chen. In der einen wird ein Pole für das Deut­sche Reich als Zwangs­ar­bei­ter ein­ge­setzt, in der zwei­ten Szene ist diese Per­son Teil der „Roten Armee“. Ab die­sem Punkt ver­mi­schen sich die Per­so­nen „Schnei­der“ und der Schau­spie­ler Matthew Zajac. Des­sen Vater hat eine ent­spre­chende Bio­gra­fie gehabt, die jedoch durch ein Foto in Frage gestellt wird. Auf die­sem Foto ist sein Vater in einer Uni­form der „Roten Armee“ zu sehen. Matthew Zajac beschreibt nun seine eige­nen Recher­chen, die viele ver­schie­dene Bio­gra­fien ein und der sel­ben Per­son erge­ben. Einige bes­ser belegt, andere nicht. Zen­tral stellt sich her­aus, dass Zajacs Vater ver­schie­dene Dinge aus sei­ner Ver­gan­gen­heit ver­heim­licht hat. Unter ande­rem eine Toch­ter aus ers­ter Ehe, die in Polen geblie­ben ist.

Zajak spielt sehr pro­fes­sio­nell. Nie ver­liert der Zuschauer die Ori­en­tie­rung. Durch den geschick­ten Ein­satz der Requi­si­ten schlüpft er gekonnt zwi­schen den ein­zel­nen Rol­len hin­durch. Dazu eine bril­lante Licht­tech­nik und der geschickte Ein­satz der Musik. Alle Details schei­nen zunächst unüber­sicht­lich, fügen sich aber zu einem gesam­ten Bild zusam­men. Gerade die Pro­jek­tio­nen an die Wand der Klei­dungs­stü­cke unter­bre­chen nicht das Stück, son­dern unter­stüt­zen den Zuschauer enorm. Die Lei­den­schaft, die Zajac auf die Bühne durch sein Spiel bringt, führt dazu, dass sich der Zuschauer zum einen mit sei­nem Vater iden­ti­fi­zie­ren kann, ihn als posi­ti­ven, freund­li­chen und ehr­gei­zi­gen Men­schen emp­fin­det, gleich­zei­tig auch die Schre­cken und den Irr­sinn des Krie­ges auf eine Per­son pro­ji­ziert. So ist auf der Bühne nur noch eine Per­son not­wen­dig, die eine lange, grau­en­hafte Zeit mit vie­len Sta­tio­nen für den Zuschauer in das Thea­ter bringt. Bravo‐​Rufe und minu­ten­lan­ger Applaus zeig­ten, dass das Kie­ler Publi­kum mit­ge­ris­sen wurde.

Die Preis­trä­ger

Die­ses Jahr hat die Jury zwei beson­dere Aner­ken­nun­gen aus­ge­spro­chen. „Moham­med is biking“ mit Daniel Lud­wig hatte eine beson­dere Aner­ken­nung ver­dient, so die Jury, weil seine leben­dige und humor­volle Dar­stel­lung die kom­ple­xen Zusam­men­hänge zwi­schen ers­ter und drit­ter Welt auf ori­gi­nelle Weise auf die Bühne gebracht habe. Viviana Souza Com­pa­gnoni habe mit dem Stück „Lulú“ The­men mit einer gro­ßen Inten­si­tät erforscht. Sie habe ihre Figur so inten­siv ver­kör­pert, dass auch die­sem Stück eine beson­dere Aner­ken­nung der Jury zuge­spro­chen wurde.

Der zweite Preis

Zwei­ter Preis: David Cal­vitto – The Event – Foto: KIK

The Event“ habe auf intel­li­gente Weise das Thea­ter dekon­stru­iert. Durch seine sen­si­ble, selbst­re­flek­tierte und komisch‐​ernste Dar­stel­lung habe David Cal­vitto den phi­lo­so­phi­schen Text als Por­trait der Rea­li­tät auf die Bühne gebracht. Es sei zum einen ein hoch thea­tra­li­sches, aber zum ande­ren auch ein anti‐​theatralisches Stück gewesen.

Der erste Preis

Ers­ter Preis: Tuukka Vasama – Ode an die Liebe – Foto: KIK

Die­ses Jahr wurde der erste Preis geteilt. Zum einen hat ihn das Stück „Ode an die Liebe“ erhal­ten. Sein inno­va­ti­ver Zugang zu einer der ältes­ten The­men des Dra­mas, Liebe und Leid, habe Tuukka Vasama ein unge­wöhn­lich phy­si­sches und voka­les Stück auf die Bühne gebracht. Die Nuan­cen einer Inti­mi­tät trans­for­mier­ten den Text in eine kör­per­li­che Dar­stel­lung, so die Jury.

Ers­ter Preis: Gabriela Muskala – Die Reise nach Bue­nos Aires – Foto: KIK

Der zweite erste Preis ging an „Die Reise nach Bue­nos Aires“ mit Gabriela Muskala. Es sei eine inter­es­sante, pro­fes­sio­nelle und sehr künst­le­ri­sche Dar­stel­lung gewe­sen. Es zeige ein gan­zes Leben in all sei­nen Facet­ten. Dar­über hin­aus zeige aber die Dar­stel­lung Muska­las die Gefühle der Schau­spie­le­rin in jedem Moment des Stücks. Dies war der Jury ein zwei­ter ers­ter Preis wert.

Fazit

Kiel wird durch die­ses unge­wöhn­li­che, aber sehr inno­va­tive Fes­ti­val rei­cher. Gerade in der Viel­zahl der Fes­ti­vals im Bereich des Thea­ters fin­det sich zumin­dest in Deutsch­land kein Zwei­tes, das diese Qua­li­tät, Viel­falt und Stile in eine Stadt bringt. Die Jury hat wür­dige Preis­trä­ger gefun­den und man darf auf das Pro­gramm des nächs­ten Thes­pis Fes­ti­vals hof­fen, denn auch dann, da sind wir uns sicher, wird es ein ähn­lich groß­ar­ti­ges Pro­gramm geben.

Über den Autor

Christoph Krenz Christoph Krenz

Foto­graf – Reporter

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