// Kolumne

Dienstag, 09. Februar 2010

Kolumne

Die Jecken sind los

Karneval ist in Norddeutschland kein Fremdwort.
Karneval ist in Norddeutschland kein Fremdwort.

Stell dir vor, es ist Kar­ne­val und keine Sau interessiert’s. Die­ser Ein­druck ent­steht zumin­dest, wenn man als Rhein­län­de­rin in Nord­deutsch­land lebt. Auch wenn man schon mehr als sie­ben Jahre hier oben rundum zufrie­den und glück­lich lebt, fehlt einem um diese Jah­res­zeit doch etwas. Wo ist er hin, der Frohsinn?

Kar­ne­val heißt es nörd­lich der Linie Bonn‐​Erfurt, Fasching nennt man es in Alt­bay­ern, Öster­reich, Sach­sen und Bran­den­burg und Fast­nacht sagt man im rest­li­chen Deutsch­land dazu. Wie auch immer man es nen­nen mag, man kann nicht leug­nen, dass auch die nie­der­deut­sche Spra­che eine Bezeich­nung für die soge­nannte fünfte Jah­res­zeit kennt: Fas­lao­met oder auch Fas­lam. Ich dage­gen bevor­zuge mei­ner Her­kunft ent­spre­chend den Begriff Fastelovvend.

Helau, Alaaf und Ahoi

Der Nar­ren­ruf ist ebenso wich­tig und bezeich­nend für die Her­kunft des Kar­ne­va­lis­ten. Helau ist weit ver­brei­tet und damit der bekann­teste Nar­ren­ruf in ganz Deutsch­land. Ich habe nie Helau geru­fen, weil Helau sagen sie auch in Düs­sel­dorf und obwohl ich gar nicht aus Köln, son­dern aus Lever­ku­sen stamme, habe ich mich den Köl­nern immer ver­bun­de­ner gefühlt als den Düs­sel­dor­fern und des­we­gen lie­ber Alaaf geru­fen. Außer­dem schmeckt Kölsch bes­ser als Alt­bier, der 1. FC. Köln spielt in der höhe­ren Liga den bes­se­ren Fuss­ball als For­tuna Düsseldorf…und so wei­ter. Es gibt viele Gründe Alaaf, statt Helau zu rufen. Aber Ahoi, so wie es in Kiel geru­fen wird, war mir neu. Doch schein­bar ist auch das im rest­li­chen Deutsch­land nicht unüb­lich. Ahoi lau­tet auch der Ruf der Nar­ren in der Pfalz, dem Badi­schen und Bay­ri­schen. Aha.

Kar­ne­val wird fast aus­schließ­lich in katholisch‐​geprägten Gebie­ten gefei­ert. So ist Kar­ne­val auch über die Gren­zen der deut­schen Nar­ren­hoch­bur­gen wie Düs­sel­dorf, Köln und Mainz hin­aus ein welt­um­span­nen­des Phä­no­men. In Europa fin­den sich Nar­ren auch in Luxem­burg, der Schweiz, in den Nie­der­lan­den, in Tei­len Bel­gi­ens, aber auch in Vene­dig sowie in Rijeka in Kroa­tien. Außer­halb Euro­pas kennt man den Kar­ne­val auch in New Orleans, dort Mardi Gras genannt, und vor allem in Süd­ame­rika. Welt­be­rühmt sind natür­lich der Kar­ne­val in Rio de Jane­rio, der Oruro in Boli­vien sowie der kolum­bia­ni­sche Kar­ne­val Baranquilla.

Höhe­punkte der Karnevalssaison

Doch zurück nach Deutsch­land. Hier beginnt die fünfte Jah­res­zeit tra­di­tio­nell am 11. 11. um 11:11 Uhr. Ich habe die­sen Start­schuss in die Sai­son vor mei­nem Umzug nach Kiel und seit der Voll­en­dung mei­nes 18. Lebens­jah­res regel­mä­ßig auf dem Alten Markt im Schat­ten des Köl­ner Doms ent­ge­gen­ge­fie­bert. Und auch Wei­ber­fast­nacht habe ich in stets phan­ta­sie­vol­len und in müh­sa­mer Hand­ar­beit her­ge­stell­ten Kos­tü­men in Köln ver­bracht. Wei­ber­fast­nacht ist übri­gens der Tag, an dem die Frauen das Rat­haus stür­men und den Män­nern die Kra­wat­ten abschnei­den und damit sym­bo­lisch die Macht über­neh­men. Wei­tere Höhe­punkte des Kar­ne­vals sind der Rosen­mon­tag, Veil­chen­diens­tag und der Ascher­mitt­woch, an dem für die Gläu­bi­gen unter den Kar­ne­va­lis­ten die 40‐​tägige Fas­ten­zeit beginnt. Am Rosen­mon­tag fin­den tra­di­tio­nell die gro­ßen Umzüge statt. Zu den größ­ten in unse­rem Land zäh­len selbst­ver­ständ­lich die in Düs­sel­dorf, Köln und Mainz, die man Dank der Regio­nal­pro­gramme auch von zu Hause vor´ m Bild­schirm ver­fol­gen kann. Und auch bei den Umzü­gen mischt Nord­deutsch­land mit – laut Wiki­pe­dia fin­det der nörd­lichste Umzug in Braun­schweig statt.

Die Beichte

Und ich bin drei Jahre lang in mei­ner Hei­mat­stadt Lever­ku­sen bei den gro­ßen Umzü­gen im Stadt­ge­biet mit­ge­lau­fen. Ja, ich gestehe, ich war drei Jahre lang akti­ves Mit­glied in einem gro­ßen Kar­ne­vals­ver­ein. Ich wollte mit auf einem die­ser gro­ßen Wagen mit­fah­ren, von denen sie Blu­men und Süßes schmei­ßen – im Rhein­land nennt man das dann Kamelle und Strüsje. Doch dazu ist es zu mei­nem Leid­we­sen nie gekom­men. Ich gehörte drei Jahre lang zum Fuß­volk. Als Fun­ke­ma­rie­chen mar­schierte, hüpfte und tanzte ich über die Büh­nen und durch die Stra­ßen Lever­ku­sens. Gut getarnt in Uni­form­ja­cke, einem viel zu kur­zen Rock, einem roten Drei­ecks­hut und unter einer weiß gelock­ten Perü­cke hoffte ich uner­kannt zu blei­ben. Denn ein biss­chen pein­lich war mir die Sache schon. Trotz­dem hielt ich drei Jahre lang durch, immer in der Hoff­nung ein­mal mit auf dem Wagen fah­ren zu dür­fen. Doch die­ses Pri­vi­leg genos­sen die alten Her­ren aus dem Ver­eins­vor­stand sowie das Prin­zen­paar. Ich blieb ein ein­fa­ches Fun­ken­ma­rie­chen und bekam nach drei Jah­ren akti­ver Mit­glied­schaft den gro­ßen Ver­eins­or­den ver­lie­hen. Danach hatte ich ein­ge­se­hen, dass ich nie­mals da oben mit­fah­ren werde und habe Schluss gemacht mit lustig.

Bevor es auch für die rest­li­che Kar­ne­vals­ge­sell­schaft zu Ende geht, geht es am Veil­chen­diens­tag kar­ne­va­lis­tisch noch ein­mal rich­tig zur Sache. Denn in der Nacht vom Veil­chen­diens­tag auf Ascher­mitt­woch wird eine Stroh­puppe, der soge­nannte Nub­bel, ver­brannt, der die Las­ter der feucht­fröh­li­chen Tage sym­bo­li­siert. Ver­brannt, ver­ge­ben und ver­ges­sen ist dann angeb­lich alles, was sich an Kar­ne­val zuge­tra­gen hat. Wer‘s glaubt.

Und wenn ich ehr­lich bin, dann ver­misse ich das alles nun doch ein wenig. Denn seit­dem ich in Kiel wohne, habe ich es nie wie­der zum Kar­ne­val nach Hause geschafft. Dabei würde ich so gerne mei­nem nord­deut­schen Freund den Kar­ne­val näher­brin­gen, doch er wei­gert sich seit sie­ben Jah­ren beharr­lich und kommt mir immer wie­der mit dem Argu­ment des ter­mi­nier­ten und kol­lek­ti­ven, damit für ihn alber­nen Froh­sinns. Was ist falsch daran? Und wenn man es genau nimmt, dann ist die Kie­ler Woche auch nix ande­res – nur ist sie nicht ganz so bunt. Dazu sagt er dann gar nichts mehr.

Zum Schluss möchte ich meine etwas nost­al­gisch anmu­ten­den Erin­ne­run­gen mit mei­ner ganz per­sön­li­chen Top Ten Liste der bes­ten Kar­ne­vals­lie­der und einer direk­ten Wei­ter­lei­tung zu Hör­pro­ben auf youtube. krö­nen. Stimmung!

Top Ten der Karnevalslieder

1. Bläck Fööss – Dat Was­ser vun Kölle

2. De Höh­ner – Viva Colonia

3. Bläck Fööss – Drink doch ene met

4. De Höh­ner – Hey Kölle

5. De Räu­ber – Un wenn dat Tröm­mel­che jeht

6. Ernst Neger – Humba Tätära

7.De Höh­ner – Die Kara­wane zieht weiter

8. Bläck Fööss – Mer loose d´r Dom en Kölle

9. De Höh­ner – Echte Fründe

10. Jupp Schmitz & Willy Schnei­der & Lutz Jagoda – Med­ley Rhei­ni­scher Karnevalslieder

Über den Autor

Anita Vrcic Anita Vrcic

Als diplo­mierte Ur– und Früh­ge­schicht­le­rin inter­es­siere ich mich nicht aus­schließ­lich für alte Kul­tu­ren, son­dern auch für Zeit­ge­nös­si­sches. Ich mag Lite­ra­tur, Kunst, Musik, Filme und Theater.

Kommentare


Du bist nicht eingeloggt. Der Fördeflüsterer würde sich freuen, wenn Du Dich anmeldest oder Dich registrierst.

bishop's Avatar

user icon  bishop:

Gegen den Froh­sinn! So… musste mal gesagt werden!

Dienstag, 09. Februar 2010, 22:10


daniela's Avatar

user icon  daniela:

Hach! Auch wenn wir was Alaaf & Helau angeht kom­plett andere Ecken beset­zen, ver­eint uns die Freude am Kar­ne­val. Ich hatte schon Sorge, dass jetzt wie­der eine Lita­nei à là „ter­mi­nier­ter Froh­sinn“ käme, und dann so ein schö­ner Text! :)

Und man muss schon neid­los ein­ge­ste­hen, dass die Köl­ner die bes­sere Kar­ne­vals­mukke haben.

Mittwoch, 10. Februar 2010, 01:34


facebook

 

Hosting

 

Werbung