// Konzertreview

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Fettes Brot in Kiel

Der König ist tot - es lebe der König!

König Boris zu Beginn des Konzerts.
König Boris zu Beginn des Konzerts.

König Boris“ fällt mit­ten im Kie­ler Kon­zert in den Büh­nen­gra­ben und ver­letzt sich, doch was ein ech­ter Nord­deut­scher ist, der steht nach kur­zer Pause direkt wie­der auf der Bühne: „Fet­tes Brot“ sind eine rou­ti­nierte Live­band, und das zeigte sich auch am Don­ners­tag­abend (9. Dezem­ber), als nach kur­zer Stock­starre auf der Bühne und im Publi­kum wei­ter getanzt und gefei­ert wurde, als gäbe es kein Mor­gen. Und irgend­wie gibt es das ja auch nicht, denn Fet­tes Brot trennt sich am Ende die­ser Tour­nee auf unbe­stimmte Zeit.

Doch zuvor betritt „Kraft­klub“ die Bühne: Fünf schlanke Jungs mit ver­wa­sche­nen schwar­zen Jeans und Col­le­ge­ja­cken mit hand­ge­mach­ter Musik und deut­schen Tex­ten schi­cken sich an, als Vor­band dem Kie­ler Publi­kum in der gut gefüll­ten Spar­kas­sen­a­rena ein­zu­hei­zen. Die The­men der Texte sind die Klas­si­ker, wel­che schon immer die Welt bewe­gen, sei es eine uner­wi­derte Liebe oder das Gefühl, im fal­schen Jahr­zehnt gebo­ren und damit „zu jung für Rock´n Roll“ zu sein. Auch melan­cho­li­sche Inhalte kom­men nicht zu kurz, denn „glück­li­che Men­schen sind nicht interessant“.

Per­sön­li­cher wer­den die Texte, als zum Bei­spiel der Weg­zug der Freunde ins ach so hippe Ber­lin the­ma­ti­siert wird und man fast trot­zig mit „ich scheiß auf Ber­lin!“ die Ver­bun­den­heit mit „Karl‐​Marx‐​Stadt“ (den Namen Chem­nitz mag man nicht) auf die Melo­die von Becks´„Loser“ zeigt. Das Kie­ler Publi­kum applau­diert zunächst höf­lich, erst als einige per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen von der Band kom­men, steigt das Inter­esse. Mit ihren letz­ten Lie­dern ist das Eis end­gül­tig gebro­chen und es wird gemein­sam gefei­ert, auf der Bühne wie auch im Publikum.

Blech­blä­ser statt DJ‐​Pult

Dok­tor Renz singt über die Liebe. (Bild: AR)
Noch bevor mit den drei Jungs von Fet­tes Brot der Haupt­act des Abends die Bühne betritt, ste­hen die sie­ben Musi­ker von „Ner­ven­kos­tüm“ auf der spär­lich beleuch­te­ten Bühne und drei Blä­ser geben einen Rhyth­mus vor. Als die Video­wand an der Büh­nen­wand „een, twee, dree“ anzählt, weiß auch der letzte Kon­zert­gast, mit wel­chem Klas­si­ker die drei Hip‐​Hopper aus dem Ham­bur­ger Speck­gür­tel ihr Kon­zert eröff­nen wer­den: „nor­disch by nature“, die Hymne eines jeden Nord­deut­schen im Alter von Anfang drei­ßig hat sich im Laufe der Jahre ein wenig ver­än­dert, ist aber immer noch der Mit­sing– und Mitklatsch‐​Klassiker schlecht­hin und daher gut geeig­net, um das Publi­kum sofort in beste Stim­mung zu ver­set­zen. König Boris, Dok­tor Renz und Björn Beton (frü­her: Schiff­meis­ter) hüp­fen und sprin­gen wie die Gras­hüp­fer auf der Bühne herum und man hat den Ein­druck, dass sie sich selbst und den nun­mehr bei­nahe acht­zehn Jahre wäh­ren­den Erfolg der Band keine Minute lang erns­ter neh­men als sie müssen.

Ein Kon­zert von Fet­tes Brot bedeu­tet viel Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Publi­kum, und auch wenn das Kie­ler Publi­kum auf die Frage nach dem amtie­ren­den Bür­ger­meis­ter nicht ein­heit­lich ant­wor­ten kann, ist der Jubel groß, als der Kie­ler THW ange­spro­chen wird und ein Ver­gleich mit Ham­burg wird selbst­ver­ständ­lich gna­den­los aus­ge­buht. Über­haupt wird viel gespro­chen an die­sem Abend, da die Band ihre Songs grund­sätz­lich nicht mit „jetzt kommt Song X“ ankün­digt, son­dern für jedes Stück eine phan­ta­sie­volle Ein­lei­tung bietet.

Selbst die ange­kün­digte „große Pause“ der Brote wird ange­spro­chen, Witze über die Pläne danach geris­sen: Eröff­nen sie einen Shop­ping­ka­nal? Legen sie im TV die Kar­ten? Oder soll es gar ein Action­ka­nal wer­den, in des­sen Fil­men die drei Jungs selbst­ver­ständ­lich alle Haupt­rol­len spie­len werden?

Inter­ak­tion ist mehr als nur „Mitklatschen“

Die Musik­mi­schung des Abends spie­gelt die lange Geschichte der Band wider, auch wenn die Schwer­punkte auf Klas­si­kern und dem letz­ten Album „Strom und Drang“ lie­gen. Viele Stü­cke sind anders arran­giert als auf den Stu­dio­al­ben, nach­zu­hö­ren auf den bei­den Live‐​Alben „Fet­tes“ und „Brot“, die 2010 in limi­tierte Auf­lage erschie­nen sind (inzwi­schen jedoch nur noch als Dop­pel­al­bum „Fettes/​Brot“ erhältlich).

Björn im wei­ßen Jackett (Bild: AR).
Das Kie­ler Publi­kum zieht gut mit, beweist seine Fei­er­laune und seine Text­si­cher­heit bei alten wie neuen Titeln. Es fin­den Mitsing‐​Momente statt, in denen die Zuschauer ihre Abnei­gung gegen diverse Akti­vi­tä­ten, Sport­ar­ten etc. mit der Aus­sage: „Nie gehört!“ kom­men­tie­ren, auch die Arme wer­den wie ein Meer geschwenkt, vor allem in der Mitte der Halle ist die Sprung­freu­dig­keit. Trotz­dem lässt die Band es sich nicht neh­men, auch die Ränge zu mehr Akti­vi­tät auf­zu­for­dern, Björn Beton ent­schei­det sich sogar, im funky wei­ßen Jackett quer durch die Rei­hen der Zuschauer ein­mal rund um die Halle zu ren­nen und dabei die Hände zahl­rei­cher Fans abzu­klat­schen, eine Geste, die man sonst nur vom bel­gi­schen Schla­ger­bar­den Hel­mut Lotti kennt.

Der Unfall‐​Schock

Mit­ten­drin pas­siert es dann: Am Rand der Bühne sind drei weiße Kis­ten auf­ge­baut, wel­che von den Jungs bei ihren Hüp­fe­reien regel­mä­ßig als Sprung­kiste benutzt wer­den. Bei einem der zahl­rei­chen Sprünge kann „König Boris“ das Gleich­ge­wicht nicht hal­ten und fällt mit dem Gesicht zuerst in den Büh­nen­gra­ben. Die Ord­ner, die mit dem Gesicht zum Publi­kum ste­hen, kön­nen nicht schnell genug rea­gie­ren um ihn auf­zu­fan­gen, und für einen kur­zen Moment steht die große Stille im Raum. Doch „Deutsch­lands beste Live‐​Band“ (gerade mit der 1live‐​Krone aus­ge­zeich­net) über­nimmt nach kur­zem Schock sofort den San­ges­be­trieb wie­der auf, und der Jubel ist groß, als Boris sofort wie­der auf die Bühne klet­tert. Mit einem auf­mun­tern­den Applaus ver­lässt er an der Seite die Bühne, um behan­delt zu wer­den, und die ver­blie­be­nen Brote stim­men kur­zer­hand das ruhige Lie­bes­lied „Jas­min“ an, die­ses Mal ganz ohne krea­tive Über­lei­tung. Schon nach kur­zer Zeit betritt König Boris dann wie­der die Bühne, er wirkt ein wenig benom­men und die Mütze hat er tief ins Gesicht gezo­gen, man erahnt nur eine Wunde an der Stirn. Doch wie ein Rei­ter, der sofort wie­der in den Sat­tel steigt, hüpft und springt er nach einer kur­zen Phase wie­der mit sei­nen Kol­le­gen herum, nutzt auch den wei­ßen Kas­ten, den die bei­den ande­ren Sän­ger danach mit einer gewis­sen Vor­sicht zu bestei­gen scheinen.

Die Kie­ler hono­rie­ren so viel Ein­satz mit lau­tem Applaus und als Pas­cal Fin­ke­n­auer den Refrain von „An Tagen wie die­sen“ singt, ist das Publi­kum längst wie­der text­si­cher dabei, genau wie bei Boris´ Solo „The Gros­ser“, der Cover­ver­sion von „The Joker“ der Steve Mil­ler Band und all den gro­ßen Hits der Band wie „Ema­nuela“ und natür­lich der neuen Ver­sion von „Jein“.

Die Zuga­ben wer­den pflicht­schul­digst mit gro­ßem Applaus ein­ge­for­dert, hier und da wird sogar die Melo­die von The white stri­pes´ „Seven Nation Arm“ ange­stimmt. Zwei Mal erschei­nen die Brote noch auf der Bühne, ein­mal las­sen sie die neue Sin­gle „Ams­ter­dam“ fei­ern, und dann sich selbst mit dem Klas­si­ker „Schwule Mäd­chen“. Dass die Stim­mung auf der Bühne wie­der ent­spann­ter ist, sieht man auch daran, dass sich der alte „Schiff­meis­ter“ Björn mit eini­gen Flic­Flacs über die Bühne bewegt, und auch das Publi­kum benimmt sich zum Ende wie in einem Punk­kon­zert, rennt im Kreis vor der Bühne, bil­det Kreise und tanzt aus­ge­las­sen Pogo wie sonst wohl nur bei einem Kon­zert der Donots oder den Toten Hosen.

Um kurz vor elf ver­las­sen Fet­tes Brot die Bühne, nicht ohne sich aus­gie­big beim Kie­ler Publi­kum bedankt zu haben, für die Stim­mung beim Kon­zert wie auch für 18 Jahre Lei­den­schaft für Band und Musik. Das letzte Kon­zert in Kiel ist auch das zah­len­mä­ßig größte – und irgend­wie bleibt die Hoff­nung, dass schon in zwei Jah­ren die Spar­kas­sen­a­rena wie­der Bühne für die nord­deut­scheste aller Hip‐​Hop‐​Combos sein wird.

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Über den Autor

Daniela Sonders Daniela Sonders

Suchte 2008 nach kiel4kiel und fand den För­de­flüs­te­rer. Wollte eigent­lich nur hier und da mal ne Kino­kri­tik schrei­ben und ver­sucht jetzt die­sen herr­lich wuse­li­gen Laden in Schach zu hal­ten. Das hat sie nun davon.

Kommentare


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user icon  Christian:

Nach genau 18 Jah­ren, die ich diese Band nun schon kenne und jedes Album gekauft habe, habe ich es end­lich und das erste Mal geschafft, auf eines ihrer Kon­zerte zu gehen.

Letzte Woche in Ham­burg war ich dabei! Kraft­club konnte ich lei­der über­haupt nichts abge­win­nen… neben der ver­hält­nis­mä­ßig aggres­si­ven Musik mag das aber auch an der schlech­ten Akkus­tik gele­gen haben.

Nach dem fan­tas­ti­schen Auf­takt zu nor­disch by nature folg­ten viele Höhe­punkte, die aber auch hör­bar an der Akkus­tik lit­ten. Ein beson­de­res High­light war nach ca. einer Stunde der Abgang der Band… beglei­tet von einer Live­über­tra­gung auf das rie­sige LC Dis­play auf der Bühne. Es ging in den Back­stage Bereich, in dem die Jungs sich gemüt­lich auf die Sofas lüm­mel­ten und von 20‐​Tasten Key­board und Fin­ger­drums beglei­tet Meh‘ Bier anstimm­ten! Die Begeis­te­rung des Publi­kums war groß als die Brote im Anschluss wie­der die Bühne betraten.

Wäh­rend der auf die Show fol­gende After­show­party wurde u.a. Nor­disch zum Groove von I Like to Move It ange­stimmt, was zwar eine coole Idee war, aber längst nicht so geil wie die Ghost­bus­ters Ver­sion. icon_wink

Alles in allem war es ein tol­les Gefühl, dabei­ge­we­sen zu sein!

Mittwoch, 15. Dezember 2010, 11:33


user icon  sven:

sie ist weg“ ist übri­gens von den fan­tas­ti­schen vier.

Mittwoch, 15. Dezember 2010, 13:27


user icon  Anna:

Super Arti­kel, aber eine kleine Anmer­kung an die Auto­rin: Der Song „Sie ist weg“ ist von der Band Die fan­tas­ti­schen vier und nicht von Fet­tes Brot ;)

Mittwoch, 15. Dezember 2010, 13:35


daniela's Avatar

user icon  daniela:

Das kommt davon, wenn man inner­halb von weni­gen Wochen auf zwei groß­ar­ti­gen Kon­zer­ten war :) Vie­len Dank für den Hinweis!

Mittwoch, 15. Dezember 2010, 13:53


user icon  Jana:

ja sorry kiel, aber wenn ich das so lese war das bei euch gar­nichts im Ver­gleich zu ham­burg =D die jungs berei­ten ihren hei­mat­fans eben doch immer ein kon­zert der ande­ren und ganz beson­dern art ;o)

Mittwoch, 15. Dezember 2010, 16:16


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