Dienstag, 20. Juli 2010
KolumneAuch für mich geht es bald schon in Urlaub. Aber im Gegensatz zu vielen anderen mache ich mir nicht jedes Jahr auf’s Neue Gedanken, wohin die Reise gehen wird. Ich kaufe mir nicht jedes Jahr einen neuen Reiseführer. Tatsächlich stehen bei mir im Regal nur Jugoslawien– bzw. Kroatienreiseführer verschiedener Jahrgänge und in unterschiedlichen Ausführungen im Bücherregal. Und das hat einen einfachen Grund: Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich meinen Urlaub in Kroatien bei meiner Familie verbringe. So wie jedes Jahr und das seit 31 Jahren. Klingt langweilig, ist es aber nicht. Auch wenn ich zugeben muss, dass es durchaus Phasen in meinem Leben gegeben hat, in denen ich das ganz anders gesehen habe und ich durch diesen Umstand zugegebenermaßen bis jetzt nicht viel anderes von der Welt da draußen gesehen habe. Das einzige was sich im Laufe der Zeit verändert hat, ist das Reiseverkehrsmittel, welches mich ans Ziel meiner Urlaubsträume gebracht hat.
Früher sind wir, die ganze Familie, Mutter, Vater, Schwester und ich anderthalb Tage mit dem Auto unterwegs gewesen, um nach mehr als 1500 km Fahrt endlich ans Ziel zu gelangen. Anderthalb Tage sitzen, schwitzen, sich langweilen, mit der Schwester und den Eltern streiten, unendliche Male ein und dieselbe Musikkassetten hören und nachts auf einem Parkplatz für einige Stündchen auf beengtem Raum Schlaf finden. Gefühlt dauerte die Fahrt – trotz Autobahn eine halbe Ewigkeit und noch viel länger. Auf weiten Strecken gab nichts zu sehen außer Lärmschutzmauern. Wenn die Gegend schon nichts hergab, konzentrierte man sich auf die Autokennzeichen rechts und links und spielte das was sicherlich jeder und jede von uns gespielt hat: Autokennzeichen‐raten. Irgendwann zeigte sich die Landschaft von ihrer abwechslungsreichen und interessanten Seite. Es gab was zu gucken: Berge, Flüsse. Täler und Schlösser. Ich kannte sie alle. Die erste große Etappe war geschafft, wenn wir Deutschland hinter uns ließen und die Grenze nach Österreich passierten. Egal, ob es die Grenzbeamten in Deutschland, Österreich oder damals noch in Jugoslawien waren. Sie allen wurden in meinen Augen für’s grimmige Gucken bezahlt. Als Kind war ich jedes Mal froh, wenn wir uns ihren Blicken entziehen konnten und durchgewunken wurden.
In der Jugend ging es für mich und meine Schwester in den meisten Fällen mit dem Reisebus nach Kroatien. Eine schrecklich lange Fahrt war das jedes Mal. Auch wenn man hier theoretisch ein wenig mehr Bewegungsfreiheit hatte als im Pkw. Allerdings waren der Schlafkomfort und die Rund‐um‐Versorgung mit Essen und Getränken auf Reisen im elterlichen Gefährt deutlich besser. Außerdem wussten meine Schwester und ich was wir aneinander hatten. Im Reisebus konnte es gut und gerne passieren, dass wir nicht nebeneinander sitzen konnten und jede von uns für die nächsten Stunden entweder ein plärrendes Kleinkind oder einen älteren dicklichen Menschen an die Seite gesetzt bekam. Das Schicksal spielte uns diesbezüglich aber nur selten so übel mit. In meiner Erinnerung an die vielen, vielen Stunden im Reisebus staune ich auch heute noch vor allem über die Art des Reiseproviants ehemaliger Mitreisender: Da gab es leckeres Schnitzel und ein hart gekochtes Ei, welches von älteren Herren bevorzugt mit einem Bierchen herunter gespült wurde. Den Abschluss der Völlerei krönte dann die obligatorische Verdauungszigarette. Rücksichtslose Geruchsbelästigung der ganz üblen Art. Ja, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber damals war das Rauchen in Reisebussen ungeachtet der zahlreichen minderjährigen Passagiere noch durchaus üblich. Und apropos Verdauung. Es war eine reine Glückssache und von der Laune des Chaffeurs abhängig, aber manchmal durfte man die Toilette im Reisebus benutzen. Was nicht immer ein Glücksfall war. Oft genug wurde behauptet, dass diese defekt sei. Und alle Insassen wussten, dass dies nicht der Wahrheit entsprach und lediglich der Chaffeur keine Lust hatte das Ding am Ende zu leeren und zu reinigen. Man kann es ihm nicht wirklich verübeln. Dennoch war man ihm in dieser Situation ausgeliefert und seiner Willkür ausgesetzt. Von da an galt es, seinem Körper Flüssigkeit nur wohldosiert zuzuführen und zu hoffen, dass man es bis zur nächsten Pinkelpause schaffen würde. Entspanntes Reisen sieht anders aus!
Heute reise ich bequemer denn je und fliege – vorbei sind die Zeiten der Odysees in der Familienkutsche und in nicht klimatisierten Reisebussen. Heute fliege ich und bin bereits nach anderthalb Stunden Flugzeit an meinem Ferienziel angelangt. Früher musste ich mich nach anderthalb Tagen Fahrt erst einmal mindestens einen Tag lang von den Reisestrapazen erholen. Heute starte ich dafür umso entspannt in die schönste Zeit des Jahres. Doch nicht alles finde ich im Vergleich zu früher besser: Mit jedem gefahrenen Kilometer wuchs auch die Aufregung in mir. Meine Schwester und ich wetteten immer darum, wer als erste von uns das Meer erblickte. Die Vorfreude steigerte sich kontinuierlich und versetzte uns kurz vor dem Ziel immer einen enormen Adrenalinkick, so dass wir es kaum aushielten, endlich auszusteigen und der Verwandtschaft in die Arme zu fallen. Heute reise ich schneller und fast ein bisschen emotionsloser. Kaum den Sitzplatz im Flieger eingenommen, das Getränk bestellt und geschlürft und das Bordmagazin geblättert, setzt der Pilot auch schon zur Landung an. Vorfreude ist eben doch die schönste Freude. In diesem Sinne: Schönen Urlaub!