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Dienstag, 20. Juli 2010

Kolumne

Alle Jahre wieder

Endlich Urlaub.
Endlich Urlaub.

Auch wenn der Titel an Weih­nach­ten erin­nern mag, hat die dies­wö­chige Kolumne nun rein gar nichts mit Weih­nach­ten zu tun. Viel­mehr geht es um des Deut­schen liebs­tes Hobby: das Rei­sen. Nach Ein­schät­zun­gen des Deut­schen Rei­se­ver­ban­des DRV sind die Deut­schen auch in die­sem Jahr amtie­rende Rei­se­welt­meis­ter. Keine andere Nation gibt dem­nach so viel Geld für Rei­sen ins Aus­land aus: Alleine im ver­gan­ge­nen Jahr sol­len die Deut­schen trotz Finanz– und Wirt­schafts­krise rund 60 Mil­lio­nen Euro für die Erho­lung fern ab der Hei­mat übrig gehabt haben. Zu den belieb­tes­ten Rei­se­zie­len der Deut­schen gehö­ren in die­sem Jahr neben der Tür­kei und Ägyp­ten vor allem asia­ti­sche Ziele wie bei­spiels­weise Thailand.

Auch für mich geht es bald schon in Urlaub. Aber im Gegen­satz zu vie­len ande­ren mache ich mir nicht jedes Jahr auf’s Neue Gedan­ken, wohin die Reise gehen wird. Ich kaufe mir nicht jedes Jahr einen neuen Rei­se­füh­rer. Tat­säch­lich ste­hen bei mir im Regal nur Jugo­sla­wien– bzw. Kroa­ti­en­rei­se­füh­rer ver­schie­de­ner Jahr­gänge und in unter­schied­li­chen Aus­füh­run­gen im Bücher­re­gal. Und das hat einen ein­fa­chen Grund: Es ist so sicher wie das Amen in der Kir­che, dass ich mei­nen Urlaub in Kroa­tien bei mei­ner Fami­lie ver­bringe. So wie jedes Jahr und das seit 31 Jah­ren. Klingt lang­wei­lig, ist es aber nicht. Auch wenn ich zuge­ben muss, dass es durch­aus Pha­sen in mei­nem Leben gege­ben hat, in denen ich das ganz anders gese­hen habe und ich durch die­sen Umstand zuge­ge­be­ner­ma­ßen bis jetzt nicht viel ande­res von der Welt da drau­ßen gese­hen habe. Das ein­zige was sich im Laufe der Zeit ver­än­dert hat, ist das Rei­se­ver­kehrs­mit­tel, wel­ches mich ans Ziel mei­ner Urlaubs­träume gebracht hat.

Unter­wegs als Kind

Der Strand und das Meer – end­lich am Ziel. © Anita Vrcic
Frü­her sind wir, die ganze Fami­lie, Mut­ter, Vater, Schwes­ter und ich andert­halb Tage mit dem Auto unter­wegs gewe­sen, um nach mehr als 1500 km Fahrt end­lich ans Ziel zu gelan­gen. Andert­halb Tage sit­zen, schwit­zen, sich lang­wei­len, mit der Schwes­ter und den Eltern strei­ten, unend­li­che Male ein und die­selbe Musik­kas­set­ten hören und nachts auf einem Park­platz für einige Stünd­chen auf beeng­tem Raum Schlaf fin­den. Gefühlt dau­erte die Fahrt – trotz Auto­bahn eine halbe Ewig­keit und noch viel län­ger. Auf wei­ten Stre­cken gab nichts zu sehen außer Lärm­schutz­mau­ern. Wenn die Gegend schon nichts her­gab, kon­zen­trierte man sich auf die Auto­kenn­zei­chen rechts und links und spielte das was sicher­lich jeder und jede von uns gespielt hat: Autokennzeichen‐​raten. Irgend­wann zeigte sich die Land­schaft von ihrer abwechs­lungs­rei­chen und inter­es­san­ten Seite. Es gab was zu gucken: Berge, Flüsse. Täler und Schlös­ser. Ich kannte sie alle. Die erste große Etappe war geschafft, wenn wir Deutsch­land hin­ter uns lie­ßen und die Grenze nach Öster­reich pas­sier­ten. Egal, ob es die Grenz­be­am­ten in Deutsch­land, Öster­reich oder damals noch in Jugo­sla­wien waren. Sie allen wur­den in mei­nen Augen für’s grim­mige Gucken bezahlt. Als Kind war ich jedes Mal froh, wenn wir uns ihren Bli­cken ent­zie­hen konn­ten und durch­ge­wun­ken wurden.

Unter­wegs als Jugendliche

Oh, du schö­nes Mit­tel­meer. © Anita Vrcic
In der Jugend ging es für mich und meine Schwes­ter in den meis­ten Fäl­len mit dem Rei­se­bus nach Kroa­tien. Eine schreck­lich lange Fahrt war das jedes Mal. Auch wenn man hier theo­re­tisch ein wenig mehr Bewe­gungs­frei­heit hatte als im Pkw. Aller­dings waren der Schlaf­kom­fort und die Rund‐​um‐​Versorgung mit Essen und Geträn­ken auf Rei­sen im elter­li­chen Gefährt deut­lich bes­ser. Außer­dem wuss­ten meine Schwes­ter und ich was wir anein­an­der hat­ten. Im Rei­se­bus konnte es gut und gerne pas­sie­ren, dass wir nicht neben­ein­an­der sit­zen konn­ten und jede von uns für die nächs­ten Stun­den ent­we­der ein plär­ren­des Klein­kind oder einen älte­ren dick­li­chen Men­schen an die Seite gesetzt bekam. Das Schick­sal spielte uns dies­be­züg­lich aber nur sel­ten so übel mit. In mei­ner Erin­ne­rung an die vie­len, vie­len Stun­den im Rei­se­bus staune ich auch heute noch vor allem über die Art des Rei­se­pro­vi­ants ehe­ma­li­ger Mit­rei­sen­der: Da gab es lecke­res Schnit­zel und ein hart gekoch­tes Ei, wel­ches von älte­ren Her­ren bevor­zugt mit einem Bier­chen her­un­ter gespült wurde. Den Abschluss der Völ­le­rei krönte dann die obli­ga­to­ri­sche Ver­dau­ungs­zi­ga­rette. Rück­sichts­lose Geruchs­be­läs­ti­gung der ganz üblen Art. Ja, das kann man sich heute gar nicht mehr vor­stel­len, aber damals war das Rau­chen in Rei­se­bus­sen unge­ach­tet der zahl­rei­chen min­der­jäh­ri­gen Pas­sa­giere noch durch­aus üblich. Und apro­pos Ver­dau­ung. Es war eine reine Glücks­sa­che und von der Laune des Chaf­feurs abhän­gig, aber manch­mal durfte man die Toi­lette im Rei­se­bus benut­zen. Was nicht immer ein Glücks­fall war. Oft genug wurde behaup­tet, dass diese defekt sei. Und alle Insas­sen wuss­ten, dass dies nicht der Wahr­heit ent­sprach und ledig­lich der Chaf­feur keine Lust hatte das Ding am Ende zu lee­ren und zu rei­ni­gen. Man kann es ihm nicht wirk­lich ver­übeln. Den­noch war man ihm in die­ser Situa­tion aus­ge­lie­fert und sei­ner Will­kür aus­ge­setzt. Von da an galt es, sei­nem Kör­per Flüs­sig­keit nur wohl­do­siert zuzu­füh­ren und zu hof­fen, dass man es bis zur nächs­ten Pin­kel­pause schaf­fen würde. Ent­spann­tes Rei­sen sieht anders aus!

Unter­wegs mit Anfang 30

Som­mer, Sonne, Strand und Meer in Kroa­tien. © Anita Vrcic
Heute reise ich beque­mer denn je und fliege – vor­bei sind die Zei­ten der Ody­sees in der Fami­li­en­kut­sche und in nicht kli­ma­ti­sier­ten Rei­se­bus­sen. Heute fliege ich und bin bereits nach andert­halb Stun­den Flug­zeit an mei­nem Feri­en­ziel ange­langt. Frü­her musste ich mich nach andert­halb Tagen Fahrt erst ein­mal min­des­tens einen Tag lang von den Rei­se­stra­pa­zen erho­len. Heute starte ich dafür umso ent­spannt in die schönste Zeit des Jah­res. Doch nicht alles finde ich im Ver­gleich zu frü­her bes­ser: Mit jedem gefah­re­nen Kilo­me­ter wuchs auch die Auf­re­gung in mir. Meine Schwes­ter und ich wet­te­ten immer darum, wer als erste von uns das Meer erblickte. Die Vor­freude stei­gerte sich kon­ti­nu­ier­lich und ver­setzte uns kurz vor dem Ziel immer einen enor­men Adre­na­lin­kick, so dass wir es kaum aus­hiel­ten, end­lich aus­zu­stei­gen und der Ver­wandt­schaft in die Arme zu fal­len. Heute reise ich schnel­ler und fast ein biss­chen emo­ti­ons­lo­ser. Kaum den Sitz­platz im Flie­ger ein­ge­nom­men, das Getränk bestellt und geschlürft und das Bord­ma­ga­zin geblät­tert, setzt der Pilot auch schon zur Lan­dung an. Vor­freude ist eben doch die schönste Freude. In die­sem Sinne: Schö­nen Urlaub!

Über den Autor

Anita Vrcic Anita Vrcic

Als diplo­mierte Ur– und Früh­ge­schicht­le­rin inter­es­siere ich mich nicht aus­schließ­lich für alte Kul­tu­ren, son­dern auch für Zeit­ge­nös­si­sches. Ich mag Lite­ra­tur, Kunst, Musik, Filme und Theater.

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